Ausstellung in Großbreitenbach ist Spiegel eigener Erfahrungen

Marina Hube
| Lesedauer: 7 Minuten
Katrin Rohnstock zur Eröffnung der Treuhand-Ausstellung in Großbreitenbach im Gespräch mit Peter Grimm (rechts). Dieses Bild darf nur einmalig und nur in der Ausgabe Arnstadt/Ilmenau verwendet werden.

Katrin Rohnstock zur Eröffnung der Treuhand-Ausstellung in Großbreitenbach im Gespräch mit Peter Grimm (rechts). Dieses Bild darf nur einmalig und nur in der Ausgabe Arnstadt/Ilmenau verwendet werden.

Foto: Marina Hube

Großbreitenbach.  Die Ausstellung „Schicksal Treuhand – Treuhand Schicksal“ im Kreativ-Museum Großbreitenbach gibt einen Einblick.

Tafeln mit 13 ausgewählten Branchen geben nur einen klitzekleinen Einblick in das, was Ostdeutsche mit der Treuhand verbinden. Schicksal Treuhand - Treuhand Schicksal lautet der Titel der Ausstellung der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die am Samstag im Kreativ-Museum in Großbreitenbach eröffnet wurde.

Dem voraus gingen drei Erzählsalons, zu denen Katrin Rohnstock eingeladen hatte. Erzählsalons, gefüllt mit vielen Erlebnissen von Männern und Frauen, die in den Fabriken Großbreitenbachs gearbeitet haben und durch die Wende ihren Arbeitsplatz und der Ort die Betriebe verloren haben.

Das wurde noch einmal aufgegriffen, als Landgemeindebürgermeister Peter Grimm nur anriss, welche großen Betriebe es einst in Großbreitenbach gab. „Es gab auch Profiteure“, kennt er ein paar wenige Biografien. „Die größere Zahl im Osten hat schwere Zeiten durchgemacht, bis hin zum Selbstmord. Manche haben nie wieder im Arbeitsleben Fuß gefasst. Jeder hat seine eigene Geschichte und es gab Schlagzeilen, die niemand gebraucht hätte.“

Eine Auswahl solcher negativer Schlagzeilen finden sich auf den Aufstellern wieder. Hier kommen Menschen mit ihrem persönlichen Schicksal zu Wort, auf der anderen Seite der Tafel gehen die Ausarbeitungen auf den jeweiligen Betrieb ein. Eine Modelleurin aus einer Schuhfabrik berichtet, ein Schlosser von der Neptunwerft, ein Maurer, ein Ingenieurökonom, Betriebsleiter, Personalerin, Kindergärtnerin und viele mehr. Es sind ostdeutsche Biografien. Katrin Rohnstock kann sich vorstellen, weitere aus Großbreitenbach hinzuzufügen.

Die Konkurrenz im Osten wird ausgeschaltet

„Es ist wichtig, dass hier unsere Lebensgeschichte erzählt wird. Es ist nicht nur die Geschichte der Treuhand.“ Petra Enders ist nicht nur als Landrätin zur Ausstellungseröffnung gekommen. Sie ist Betroffene und kennt wie viele Millionen von DDR-Bürgern das Gefühl, „plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden, keine Perspektive zu haben, arbeitslos zu sein“.

Und es ging noch um viel mehr, um Anerkennung, Akzeptanz, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das Ziel der Treuhand sei gewesen, mögliche Konkurrenten vom Markt zu entfernen, Betriebe abzuwickeln. „Die Treuhand hat unsere Betriebe zu Spottpreisen verscherbelt, manchmal für eine Mark mit neuesten Maschinen und Technologien.“ Dann gab es aber auch jene, die Betriebe retten oder sie nach der Zwangsverstaatlichung spätestens 1972 wieder zurück in Familienbesitz führen wollten. Jenen habe man nur Steine in den Weg gelegt, utopische Preise verlangt und es gab keine Fördermittel, erzählt Petra Enders. „Man hat mit allen Mitteln versucht, dass Betriebe keinen Fuß fassten.

„Die Treuhand hat zunächst den Osten in ein Armenhaus verwandelt und sie hat versucht, uns unser Selbstbewusstsein zu nehmen. Manche konnten damit nicht umgehen und haben es nicht verkraftet“, kennt Petra Enders schlimme Schicksale. Sie erinnerte an die vielen und guten Betriebe in Großbreitenbach, die erfolgreich gewirtschaftet haben und international tätig waren: 1500 Leute in der Relaistechnik, 500 im Glaswerk, 300 in der Maschinenfabrik, 200 im Holzkombinat und der Spielwarenfabrik, 100 in der LPG.

Hinzu kamen Dienstleistungsunternehmen, kleinere Betriebsteile größerer Fabriken am hiesigen Standort, das Krankenhaus, ... Man musste nicht auspendeln, die Arbeiterbusse spuckten in Großbreitenbach Hunderte Beschäftigte aus. „Wo es gut gelaufen ist, das war das Glaswerk mit Herrn Wiegand. Er hatte eine persönliche Beziehung hierher und es gab schon vor der Wende ein Joint Venture.“

„Ich finde es hervorragend, dass Sie, Frau Rohnstock, diese Geschichte aufarbeiten und Zeitzeugen erzählen lassen. Das ist das Wichtigste. Wenn es uns nicht mehr gibt, wer soll dann die Geschichte erzählen?“

Wo sind über die Jahredie Milliarden geblieben?

Die Kuratorin Katrin Rohnstock traf zur Ausstellungseröffnung nur auf Menschen, die ihre Arbeit Wert schätzen. Das sei nicht überall so. Manche sehen das Thema Treuhand als „kalter Kaffee von gestern“. Die Ausstellung ergänzt wunderbar das Erzählsalonprojekt, bei dem es in Großbreitenbach um die Wendezeit ging.

„Die Geschichte braucht noch lange, um wirklich aufgearbeitet und damit befriedet zu sein. Wenn man über die Treuhand spricht, muss man auch über die DDR-Wirtschaft sprechen.“ Rohnstock liegen Zahlen vor, wonach der DDR ein kontinuierliches wirtschaftliches Wachstum beschieden wurde.

Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung habe die volkseigene DDR-Industrie einen Marktwert von 600 Milliarden D-Mark laut Detlev Karsten Rohwedder, Präsident der Treuhandanstalt, gehabt, der sich 1990 für eine „behutsame Privatisierung“ einsetzte.

Dazu ist in dem die Ausstellung begleitenden Buch genauso zu lesen wie über die Aussage des späteren Bundespräsidenten Horst Köhler auf einer Sitzung des Treuhandpräsidialausschusses in Köln: „In der ostdeutschen Wirtschaft muss auch mal gestorben werden. Da muss auch mal Blut fließen.“

Detlev Karsten Rohwedder wurde am 1. April 1991 ermordet. Sein Tod ist bis heute nicht aufgeklärt. Er hätte die Ost-Betriebe erst saniert, dann privatisiert. Unter Rohwedders Nachfolgerin Birgit Breul wurde das DDR-Vermögen „verbrannt“. Am Ende ihrer Amtszeit am 31. Dezember 1994 hinterließ die Privatisierung des DDR-Vermögens einen Schuldenberg von 230 Milliarden D-Mark.

„Mit der Ausstellung“, so die Kuratorin, „wollten wir exemplarisch die Geschichte einiger DDR-Betriebe erzählen.“ Sie erkunde seit zehn Jahren mit früheren Generaldirektoren von zentralgeleiteten Kombinaten die DDR-Wirtschaftsgeschichte. „Die Generaldirektoren vermittelten uns Betriebsleiter für Gespräche. Wir saßen damit an der Quelle.“

Katrin Rohnstock wies darauf hin, dass in der Ausstellung auch positive Schicksale präsentiert werden. Beispiele: Eine Pharmazeutin, die einen Betriebsteil ausgliederte, ein Geschäftsführer, der eine Brauerei in die Marktwirtschaft führte.

Etwa neun Monate haben die Mitarbeiter der Firma Rohnstock Biografien an der Ausstellung gearbeitet. „Wir verfügten über das Netzwerk von DDR-Wirtschaftslenkern, die uns solide, aktengestützte Informationen über die Betriebe und Branchen zuarbeiteten.“ So konnte sie die Geschichte von elf Betrieben und zwei Branchen erzählen mit ihren Entwicklungen und Betriebsergebnissen bis 1989 und nach der Wende bis 1995. So sind die Stelen gestaltet. Vorn – vorher, hinten – nachher. Außerdem sind 25 exemplarische Menschenschicksale dargestellt.

Am 19. Dezember um 17 Uhr wird im Kreativ-Museum das Buch vorgestellt, das aus den Geschichten, die in den Großbreitenbacher Erzählsalons erzählt wurden, von Rohnstock Biografien geschrieben wurde.

Dann werden auch ein paar Kernaussagen von Reinhard Wlatschiha eingeflossen sein, die er zur Ausstellungseröffnung über den Untergang des Relaiswerkes machte. Außerdem stellt er dafür auf kurzem Weg Katrin Rohnstock Fotos verschiedener Betriebe Großbreitenbachs zur Verfügung.

Die Ausstellung in Großbreitenbach, deren Eröffnung durch Paul Menger musikalisch begleitet wurde, ist im Thüringer Wald-Kreativ-Museum bis zum 31. Dezember, Dienstag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr und Samstag, Sonntag, Feiertag von 13 bis 16 Uhr, zu besichtigen. Als Wanderausstellung ist sie danach in Diedorf, Artern und Suhl zu sehen. Katrin Rohnstock wünscht sich auch eine Ausstellung in Ilmenau. Daran wird aktuell gearbeitet.