Das Dilemma der Gesellschaft

Arnstadt.  Leipziger Pfeffermühle nimmt Provinzredaktion bei Auftritt in Arnstadt aufs Korn, meint damit aber deutlich mehr.

Sascha Kiesewetter (links), Rebekka Köbernick und Jörg Metzner verkörperten im Theater die Provinzredaktion.

Sascha Kiesewetter (links), Rebekka Köbernick und Jörg Metzner verkörperten im Theater die Provinzredaktion.

Foto: Berit Richter

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Eigentlich geht es nur um das Pflanzen von ein paar neuen Eichen im Stadtwald. Eine unbedeutende Meldung im Lokalblättchen Döbeln-Bote – bis der Online-Optimierer aufkreuzt und die Nachricht aufmotzt, um viele Klicks im Netz zu generieren. Denn die, so erklärt er dem Lokalredakteur, sind es, die heutigentags zählen.

Wörter wie „Mord“, „Helene Fischer“ und „Angst“ sollen für den nötigen „Traffic“ sorgen. Eine satirisch überhöhte Szene oder vielfach Realität? Das Leipziger Kabarett Pfeffermühle schaute mit seinem Programm Provinzredaktion, mit dem es Freitag im Theater gastierte, jedenfalls aufs aktuelle Dilemma des Journalismus. Das stand symbolisch für die Lage in der Gesellschaft.

Die Stimmung beim Döbeln-Boten war jedenfalls nicht die Beste. Die desillusionierte Redaktionsleiterin (Rebekka Köbernick) strebte einst nach Höherem, scheiterte aber daran, eine Frau zu sein; der langgediente Lokalredakteur (Jörg Metzner) möchte jede Veränderung vermeiden und der Praktikant (Sascha Kiesewetter) sieht sich in seinem Tatendrang, über die Probleme der Welt zu berichten, eingebremst. Die Wahrheit, so wird ihm beschieden, mag keiner mehr lesen.

Dass noch keine zündende Idee für den Landespresseball existiert, ist da das kleinste Übel der Redaktion. Die Auflage sinkt, Anzeigen-Erträge und Leserschaft schrumpfen. Keine Frage: Die Pfeffermühle-Texter haben gut recherchiert, um die gesamtgesellschaftliche Situation zu skizzieren. Es geht um die Müdigkeit in Deutschland, um die Unsicherheit darüber, was man noch sagen darf und was nicht. Dabei stecken die Kabarettisten im selben Dilemma wie ihre Provinzredaktion. Junge Menschen lassen sich nur schwer für gehobene Satire begeistern und so richtig weh tun mag man selbst auch niemandem. So sind es eher die eingeschobenen Programmpunkte, welche zünden. Besonders gelungen ist das Gehörlosen-Simultandolmetschen zum Statement der Autoindustrie in Sachen Dieselkrise.

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