Herbert Rahn baute der Musikschule in Arnstadt ein Haus - Eine Spurensuche zu seinem ersten Todestag

Arnstadt  Rahn lebte für die Musik. Er wurde 1991 der erste Leiter der Schule und bewegte viel.

Herbert Rahn lebte für die Musik. Vor einem Jahr mussten Musikfreunde aus Arnstadt und Umgebung von ihm Abschied nehmen.

Herbert Rahn lebte für die Musik. Vor einem Jahr mussten Musikfreunde aus Arnstadt und Umgebung von ihm Abschied nehmen.

Foto: Frank Basner

Wenn Passanten lächelnd über den Arnstädter Marktplatz laufen, haben sie oft Klänge von Klavier oder Klarinette im Ohr, die sich aus den Fenstern der Musikschule ins Freie schmuggeln. In zwei prächtigen Häusern im Herzen der Stadt lernen Hunderte Schülerinnen und Schüler ein Instrument, schulen ihre Stimme, entdecken ihre Liebe zur Musik.

Dafür wurde vor 30 Jahren der Grundstein gelegt – auch von Herbert Rahn. Er war der erste Leiter der eigenständigen Musikschule im Kreis Arnstadt. Er hat ihr ein Haus gebaut, wie es in einem Nachruf auf den am 12. Januar 2020 im Alter von 64 Jahren verstorbenen Musikpädagogen heißt. In diesem Jahr sollte mit einem Konzert an ihn erinnert werden, doch Corona macht es unmöglich.

Herbert Rahn liebte die Musik und lebte für sie, sie wurde sein Beruf. Schon als kleiner Junge sang er im Elternhaus in Aken (Sachsen-Anhalt) auf dem Schaukelpferd Schlager aus dem Radio, wie sich seine Schwester Margret Frankenberg erinnert. Der Bruder lernte Klavier und Akkordeon, ging zum Studium nach Halle, wurde Musik- und Deutschlehrer und danach nach Arnstadt an die Karl-Marx-Oberschule geschickt.

Rahn hatte ein Faible für die klassische Musik, besonders für Johann Sebastian Bach, und ließ in der Bachstadt kaum ein Konzert aus. Er selbst spielte neben Akkordeon und Klavier unter anderem Gitarre, Banjo und Orgel, komponierte, arrangierte und beschäftigte sich mit Musiktheorie. So widmete sich seine 1987 an der Universität in Halle eingereichte Doktorarbeit Fragen der Aneignung von Musikwerken.

Als 1990/91 die Entscheidung stand, wie es mit den Außenstellen Arnstadt und Stadtilm der Bezirksmusikschule Erfurt weitergehen sollte, gehörte Herbert Rahn zum Kreis der Musiklehrer, die nachmittags in freien Klassenzimmern in mehreren Schulen unterrichteten. Für den damals neu gewählten Landrat des Kreises Arnstadt, Lutz-Rainer Senglaub (CDU), rückte die Musikschule bald auf der Liste jener Dinge, die neu zu ordnen waren. Er vereinbarte mit Erfurts Oberbürgermeister Manfred Ruge für den 1. September 1991 den Übergang in die Eigenständigkeit des Kreises. Am 5. Oktober 1991 gab es aus diesem Anlass im Bürgerhaus „Lindeneck“ ein Festkonzert.

Wie sich Senglaub erinnert, war es von Herbert Rahn maßgeblich initiiert worden. Der Musikpädagoge, Jahrgang 1955, übernahm nach einer Ausschreibung die Leitung der neuen Einrichtung, die mit 247 Schülerinnen und Schülern in ihr erstes „Haushaltsjahr“ startete. Was folgte, nennt der Landrat a.D. heute einen „Struktur- und Generationswechsel“. Die zu DDR-Zeiten geltende Altersgrenze für Musikschüler wurde aufgehoben, auch die Oma konnte fortan Schlagzeug lernen. Ältere Lehrer gingen in den Ruhestand, jüngere kamen hinzu.

Vor allem aber brauchte die Schule endlich ein eigenes Domizil. So reifte die Idee, das der Stadt Arnstadt gehörende und seit Langem leer stehende „Haus zum Schwarzen Löwen“ auf dem Marktplatz zu sanieren. Ein Mammutprojekt, an dessen Umsetzung viele beteiligt waren. „Aber diese Musikschule haben wir Herbert Rahn zu verdanken“, betont Frank Basner, Lehrer für Schlagzeug und Percussion. Für ihn war Dr. Rahn nicht nur ein engagierter Kollege, der beharrlich Projekte verfolgte, Fördermittel besorgte, den Alltag an der Schule organisierte, sondern auch ein Mentor, der ihn zum Komponieren und Veröffentlichen ermunterte. Der Chef habe immer ein offenes Ohr gehabt. Er sei „mit Schlips und Kragen“ zu den Behörden gegangen – und habe mit Gleichgesinnten gern Musik gemacht. So war er Mitglied der IG Jazz in Arnstadt.

Das Angebot an Instrumental- und Gesangsunterricht an der Musikschule wuchs stetig, doch dabei blieb es nicht. So luden die Musikpädagogen bereits im Oktober 1992 zu einer Fachtagung über „Musikschulprojekte und Integrationsmodelle in den Bereichen der Musikalischen Früherziehung und der Sonderpädagogik“ ein. Nicht vergessen sind die vielen Weihnachts-, Jubiläums- und Benefizkonzerte, die folgten, ebenso die Uraufführungen von „Jonas und der Wal“, die Wettbewerbe „Jugend musiziert“. Die Partnerschaft mit Dubi in Tschechien nahm auch durch das Engagement der Musikschule Fahrt auf.

Die Sanierung des denkmalgeschützten „Schwarzen Löwen“ hat Herbert Rahn während der Bauzeit eng begleitet, in Gesprächen mit den Architekten seine Ideen eingebracht. „Er war unglaublich aktiv und rührig, hatte immer Zukunftspläne. Er schaute nicht auf die Uhr und schloss als Letzter das Haus ab“, betont Gerd Walther, der in den 1990er-Jahren Leiter für Kultur und Denkmalschutz beim Kreis war und dessen Herz gleichermaßen für die Musik und alte Gebäude schlägt. Das Gewicht des Flügels war bei der Statik zu bedenken, für die Schlagzeuger wurde eine schalldichte Kabine eingebaut. Es gibt einen kleinen Konzertsaal und im Keller können Rockkonzerte stattfinden.

Am 20. August 1995 wurde das alte Haus feierlich eingeweiht, in das fortan die jungen und junggebliebenen Musikschüler strömten – und das einige Jahre später schon wieder zu klein war, so dass unter Rahns Nachfolger Rüdiger Kriwitzki das benachbarte „Haus zum Palmbaum“ als Erweiterung hinzukam. Als Folge der Gebietsreform fusionierten zum Schuljahr 1998/99 die Musikschulen in Arnstadt und Ilmenau, Dr. Rahn blieb Chef der Hauptstelle in der Kreisstadt.

Die Chormusik gehörte zu seinen Steckenpferden, bereits im März 1992 gründete er den bis heute bestehenden Gemischten Chor Stadtilm als Erwachsenen-Ensemble der Musikschule. Er war ein Könner, hatte ein absolutes Gehör, sagt die Vorstandsvorsitzende Sabine Schiel. Der junge Chorleiter formte mehr als zehn Jahre lang nicht nur die Stimmen, er arbeitete mit dem Ensemble ebenso an Auftritt und Ausstrahlung. Das Repertoire war breit gefächert, wobei der Schwerpunkt im deutschen Volkslied lag. Aber sie hätten sich auch an „Alte Meister“ gewagt, berichtet Sabine Schiel, die an Probenwochenenden und Chorfahrten ebenso gern zurückdenkt wie an gemeinsame Konzerte mit dem Frauenchor aus Rahns Geburtsstadt Aken.

Doch nicht immer läuft im Leben alles weiter in gewohnten Bahnen. Im September 2003 wechselte Herbert Rahn auf eigenen Wunsch in den Schuldienst nach Rudolstadt. Er wurde im Barocksaal im „Schwarzen Löwen“ mit Blumen und einem Konzert verabschiedet. „Seiner“ Musikschule blieb er verbunden, so nahm er unter anderem am Jubiläumskonzert zum 20-jährigen Bestehen teil.

Gerd Walther war mit Herbert Rahn auch nach dessen Weggang aus Arnstadt weiter befreundet. Noch am 11. Januar 2020 hatten sie lange telefoniert und über Musiktheorie diskutiert. Die beiden Rentner verabredeten ein nächstes Treffen, doch dazu kam es nicht mehr. Das Herz ließ Herbert Rahn im Stich, er starb einen Tag später in Erfurt, wo er wohnte. Er wurde auf dem städtischen Friedhof in Aken neben seiner Mutter beigesetzt.