Gräfenrodaer Legende geht in den Ruhestand

Gräfenroda.  101 Jahre lang gab es das Familienunternehmen von Herbert Reuß. Nun schaltet der Glasbläser den Glasbrenner aus.

Glasbläserlegende Herbert Reuß aus Gräfenroda hört auf. Am 18. Dezember geht er letztmals seinem Handwerk nach.

Glasbläserlegende Herbert Reuß aus Gräfenroda hört auf. Am 18. Dezember geht er letztmals seinem Handwerk nach.

Foto: Hans-Peter Stadermann

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Konzentriert schaut Herbert Reuß in die Flamme, die vor ihm lodert. Es dauert nur wenige Sekunden, bis der Glasstab, den er vor den Brenner hält, flüssig wird. Nun ist die Handwerkskunst des Glasbläsers gefragt.

Eine Legende hört auf

Das, was Herbert Reuß in seiner Werkstatt zaubert, begeistert seit Jahrzehnten Menschen in der ganzen Welt. Weihnachtskugeln fertigt er ebenso an wie Schmuck, filigrane Gläser und Schalen, Obstfliegenfallen, Glücksschweine oder Eurotürme. „Ich hab mir immer was einfallen lassen“, sagt der 69-Jährige verschmitzt.

Ewig arbeiten will der Gräfenrodaer aber nicht. „Am 18. Dezember mache ich die Flamme aus – für immer“, kündigt Reuß an. 35 Jahre lang hat er sieben Tage die Woche gearbeitet, in Hochzeiten pro Jahr bis zu 600 Busreisegesellschaften durch seine Werkstatt geschleust. „Es wird Zeit, dass ich kürzer trete“, sagt Reuß. Dass ihm im Ruhestand langweilig wird, glaubt er nicht. Obwohl die Leidenschaft für seinen Beruf noch in ihm brennt.

Familientradition endet nach 101 Jahren

Schon als Knirps schaute er beim Opa, der vor 101 Jahren den Familienbetrieb gründete, über die Werkbank. Die steht noch immer in einem Anbau. Historische Glassorten finden sich da und Werkzeug, das durch die Hände mehrerer Generationen ging. „Wegwerfen werde ich das nicht“, so Reuß.

Im Internet ging er auf Nachfolgersuche. Mit Erfolg. Eine junge Glasbläserin will Teile der Ausstattung übernehmen und bei Reuß Techniken, die nur er allein kennt, erlernen. „Die würde ich sonst mit ins Grab nehmen“, sagt der Gräfenrodaer. Im Ort findet die uralte Tradition allerdings keine Fortsetzung. Die Nachfolgerin stammt nicht aus Thüringen.

Nachfolgerin stammt nicht aus Thüringen

Auch sein Haus verkauft Herbert Reuß. Ihn und seine Frau zieht es nach Bad Kissingen, in die Nähe der Kinder und Enkel.

Im Dezember ist Herbert Reuß aber noch für seine Besucher da. Einige Reisegruppen haben sich angekündigt, auch entsteht noch das eine oder andere Unikat. Ab dem 20. Dezember reduziert er dann die Preise deutlich. „Ich mache Ausverkauf, denn wegwerfen will ich nichts.“

Ausverkauf ab 20. Dezember

Mal flink in die Werkstatt huschen und wieder verschwinden – das klappt bei Herbert Reuß allerdings nicht. Dazu ist er ein viel zu amüsanter Gesprächspartner. Gern erzählt er über die Jahre seiner Selbstständigkeit, sein Glasbläsertheater, seine Fernsehauftritte, etwa bei „Marianne und Michael“ oder „Was bin ich“.

„Eines habe ich nach der Wende schnell erkannt: Als Selbstständiger kann man nicht darauf warten, dass man einen Auftrag bekommt“, betont Reuß. Also wurde er kreativ – nicht nur in Bezug auf seine Kunst, sondern auch in Sachen Vermarktung. Jeder öffentliche Auftritt brachte Spaß und Kunden.

Fehlen wird ihm all das nicht, versichert Herbert Reuß. Eine mobile Glasbläserei nimmt er jedoch mit in die neue Heimat. So könnte er die Flamme doch wieder anzünden, wenn es ihm in den Fingern juckt.

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