Wort zur Wochenwende aus dem Ilm-Kreis

Großväter und Enkel

| Lesedauer: 3 Minuten
Christine Behrend

Christine Behrend

Foto: AnLi Fotografie

Christine Behrend schreibt über den Krieg, sein Folgen und appelliert an den Frieden.

Im dunkelgrauen Anzug, die Jacke leicht geöffnet, steht er da. Die Ärmel sind zu kurz, das Jackett eher ein bisschen weit.

Aber der weiß gepunktete Schlips sitzt fröhlich korrekt am weißen Kragen. Aus dem Mund purzelt gerade ein Wort, das mit o anfangen könnte. Der Gesichtsausdruck ist heiter beschwingt. Die Frau neben ihm im kurzärmeligen langen Kleid mit Rüschenabschluss hat ein Kind auf dem Arm.

Sie schaut lächelnd zu ihm hinüber und schiebt ihre linke Hand behutsam unter den Arm des Mädchens, das mit ernstem Blick in Richtung des Fotografen schaut.

Die junge Familie steht entspannt unter einem weinbewachsenen Dach in einem Biergarten.

Vor zwei Wochen habe ich mir das Foto aus der Mappe geholt und in Sichtweite aufgestellt. Mein Opa sieht so fröhlich aus und so einladend.

Es ist, als spräche er mich direkt an: Na komm! Schau doch mal! So ist das sonntags bei uns. Da wird sich schön gemacht und ausgegangen. Ein frisches Stückchen Kuchen und ein Likörchen lassen wir uns auch gefallen. Mal sehen, wer heute außer uns noch da ist!

Ob Verwandtschaft oder Kurgäste, wir machen’s uns in jedem Falle schön!

Heiterkeit und Leichtigkeithat er zurückgelassen

Erst jetzt lerne ich ihn etwas genauer kennen, lasse mich ansprechen von seiner Heiterkeit und Leichtigkeit auf dem Foto. Und denke, davon würde ich gern ein bisschen mehr abhaben.

Aber er hat beides im Krieg zurückgelassen, genau wie sich selbst. Wir sind uns nie begegnet. Und mein anderer Opa, der aus dem Krieg zurückkam, war ernst und streng und verschlossen.

Und ich dachte lange Zeit, Opas müssen so sein.

Im vergangenen Jahr haben wir die genauen Todesumstände erfahren. Überbelegung des Lagers Resh im Ural, Temperaturschwankungen bis zu 30 Grad Celsius mit starken Winden, zu wenig zu essen und zu trinken, Dystrophie – verhungert und verdurstet am 5. Januar 1945.

Letztens sagte mir jemand: „Das war die Rache der Russen. Die haben die Soldaten einfach verrecken lassen.“

Ja, so war das! Das tut mir weh, und es hat auch Auswirkungen bis in meine Generation. Und ich sehe: Krieg bringt keinen Frieden, auch nicht dem, der ihn mit modernsten Waffen gewinnt.

Paulus mahnt, auf Gutesbedacht zu sein

In der Bibel schreibt der Apostel Paulus: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“

Das ist allerdings nicht so einfach! Aber der einzige Weg, damit Enkelinnen ihre Großväter lebend und fröhlich kennenlernen.

Christine Behrend ist Pastorin und Klinikseelsorgerin in der Kirchgemeinde Unterpörlitz/ Pörlitzer Höhe