Horterzieherin am Limit: Beate Beck spricht über ihren Alltag

Arnstadt.  Fehlendes Personal macht die Betreuung der Kinder in einer Arnstädter Grundschule immer schwerer. Der Schulamtsleiter kennt die Situation.

Beate Beck ist Horterzieherin aus Plaue und spricht über die schlechten Zustände bei der Hortbetreuung in einer Arnstädter Grundschule.

Beate Beck ist Horterzieherin aus Plaue und spricht über die schlechten Zustände bei der Hortbetreuung in einer Arnstädter Grundschule.

Foto: Hans-Peter Stadermann

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Vier Mädchen sitzen in einer ruhigen Ecke. Sie malen und plaudern. Es ist gleich 15 Uhr, sodass sie den Hort verlassen und den Heimweg gemeinsam antreten können. Pflichtbewusst melden sich die Mädels bei ihrer Horterzieherin Beate Beck ab. Und dieser schlägt plötzlich das Herz bis zum Hals. Denn sie hat bis dato nicht gemerkt, dass die vier Kinder unbeaufsichtigt sind. Dieses Erlebnis lässt die Hortnerin erschrecken. Es ist ein Sinnbild für die aktuelle Situation im Hort einer Arnstädter Grundschule.

Dort sind 135 Schüler aus den Klassen eins bis vier gemeldet und eigentlich acht Erzieherinnen angestellt. Durch eine Abordnung sind vor Ort noch sieben. Laut Personalausstattung des ThürKitaG muss gewährleistet sein, dass eine pädagogische Fachkraft nicht mehr als 20 Kinder der Klassenstufen eins bis vier zeitgleich betreut. In der Theorie geht der Betreuungsschlüssel in der Arnstädter Grundschule auf. Die Praxis sieht leider anders aus.

Betreuungsschlüssel überzogen

Das Schuljahr hat im August letzten Jahres begonnen. „In den ersten Wochen waren alle sieben Kollegen da“, erzählt Beate Beck. Seit Oktober seien sie zu viert, „im Dezember war noch eine Erzieherin und eine Abordnung aus einer anderen Schule da.“ Aktuell seien drei bis vier Erzieherinnen im Hort.

Beate Beck spricht über den Alltag: Nach dem Unterricht ab etwa 11.30 Uhr kommen die Kinder in den Hort. Es wird gemeinsam Mittag gegessen und dann geht es raus zum Spielen – allerdings nur bei gutem Wetter. Danach stehen Hausaufgaben auf dem Plan. Die Hauptzeit, in der auch fast alle gemeldeten Schüler im Hort sind, liegt zwischen 11.30 und 15 Uhr. „Und bei dieser Anzahl der Kinder und drei Erzieherinnen ist der Betreuungsschlüssel deutlich überzogen.“

Kein altersentsprechendes Lernen

Damit einhergeht, dass die Aufsichts- und Betreuungspflicht nicht immer gewahrt werden kann. „Ich kann nicht über 30 Schüler im Blick haben, zumal unser Schulhof um das Gebäude herum geht.“ Auch eine pädagogische Arbeit ist nicht möglich, denn die Kinder der ersten bis vierten Klassen werden aufgeteilt und lediglich betreut. „Zwei Hütehunde könnten das genauso gut“, ärgert sich Beate Beck, die ihren Job mit Herzblut macht. Aber unter diesen Bedingungen würde sie, stellvertretend für viele Erzieherinnen, an ihre Grenze kommen. Hinzu kommt, dass zu viele Schüler auf einen Erzieher aufgeteilt sind, sodass auch die Lautstärke enorm steigt. Mittlerweile sei es auch schon so, dass die Kinder nicht immer mit den Jüngeren in eine Gruppe wollen. „Das kann ich verstehen, die Interessen sind doch auch ganz anders.“ Es sei einfach kein altersentsprechendes Arbeiten möglich. Und deshalb handelt Beate Beck.

Sie hat Mitte Januar ein Schreiben ans Schulamt Westthüringen geschickt, in dem sie die zermürbende Situation erläutert. Beate Beck schreibt, dass sie „durch die derzeitigen Anforderungen resultierend durch den Personalmangel stark überlastet bin, und ich mich außerstande sehe, den Anforderungen hinsichtlich der Aufsichts- und Betreuungspflicht gegenüber den uns anvertrauten Kindern in ausreichendem Maße nachzukommen.“ Und weiter: „Daher lehne ich jede in Verantwortungnahme, sollte es zu schwerwiegenden Vorfällen im Zusammenhang mit der Betreuung der Kinder kommen, ab.“

Fachkräftemangel im Schulamtsbereich

Wolfram Abbé, Leiter des Schulamtes Westthüringen, kennt die „schwierige Situation“, denn sie würde den gesamten Schulamtsbereich betreffen. Sie würden seitens des Schulamtes versuchen, mit Abordnungen auszuhelfen, wobei das auch nicht immer möglich ist. Momentan sei es besonders schlimm. Er sieht vor allem die Grippezeit als eine der Hauptursachen. „Ich hoffe, danach ist es besser.“

Nichtsdestotrotz sei die Lage ernst. Denn sowohl in den Schulen als auch in den Horten würden Fachkräfte fehlen. Dabei würden sie mittlerweile auch Seiteneinsteiger einstellen. Der Fokus liege aber auf ausgebildeten Fachkräften, betont Wolfram Abbé. „Auch die Stellen wurden auf 65 Prozent erhöht – und dennoch fehlt es an Erzieherinnen.“ Denn nicht nur der Hort in den Grundschulen bedient sich an den Fachkräften, sondern auch die Kindergärten.

Bei einer Kundgebung Ende Januar forderten Erzieher vor dem Erfurter Landtag mehr Geld und mehr Personal für die pädagogische Arbeit an Thüringer Schulhorten. Der ehemalige Thüringer Bildungsminister Helmut Holter (Linke) erklärte den Demonstranten, auch er sei unglücklich über die Arbeitsbedingungen vieler Erzieher an den Schulhorten im Freistaat: „Ich will deutlich sagen, dass ich mit dem Zustand, wie er in Thüringen ist, nicht zufrieden bin.“ Das berichtete die Süddeutsche Zeitung.

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