Wenn dunkle Gewalt-Erinnerungen oft wieder erwachen: Ein Frau berichtet von ihrem Leidensweg

Ilm-Kreis.  Eine Frau aus dem Ilm-Kreis, die wie auch das gemeinsame Kind immer wieder den Gewaltausbrüchen des Partners ausgesetzt war, brauchte lange, um den Täter juristisch in die Schranken zu weisen. Sie berichtet von ihrem Leidensweg.

Immer wieder wurde Tobias gegenüber Sabrina gewalttätig. Doch sie glaubte an die große Liebe und verzieh im. Zu oft, sagt sie heute.

Immer wieder wurde Tobias gegenüber Sabrina gewalttätig. Doch sie glaubte an die große Liebe und verzieh im. Zu oft, sagt sie heute.

Foto: Jan-Philipp Strobel / dpa

Still ist es in der Wohnung von Sabrina M.* Vor wenigen Minuten sind die Kinder der Alleinerziehenden ins Bett gegangen. Nun hat die Mutter Zeit, die Seele baumeln zu lassen. „Das gelingt mir oft aber nicht“, gibt die 32-Jährige zu.

Denn wenn der Körper zur Ruhe kommt, erwachen die Erinnerungen. Und die belasten die junge Frau auch nach Jahren noch schwer.

„Ich bin heute eine völlig andere Person als im Jahr 2011“, verrät sie. Damals traf sie Tobias. Es war Liebe auf den ersten Blick. „Er war fürsorglich, bodenständig, war fröhlich“, erinnert sich Sabrina.

Schon nach wenigen Wochen zog sie zu ihm. Aus Verliebtheit wurde Liebe, sie wurde schwanger.

In dieser Zeit bekam die Beziehung allerdings erste Risse. Sabrina erlebte, wie Tobias seinen eigenen Vater zusammenschlug. Auch im Umgang mit der Mutter war er nicht zimperlich. „Die Ehe war zerrüttet. Wie sehr, merkte ich erst, als sie bei Nacht und Nebel ins Frauenhaus floh“, sagt Sabrina rückblickend.

Nach Gewaltausbrüchen entschuldigt sich der Partner stets ausführlich

Die Stimmung daheim wurde so schlecht, dass Sabrina hochschwanger in eine eigene Wohnung zog. „Für eine Frau verändert sich mit einer Geburt alles“, sagt sie. Sie war überglücklich. Tobias hingegen vermittelte den Eindruck, als ob ihn das Kind stört. Immer wieder reagierte er nach durchwachten Nächten unwirsch. „Da kam es schon mal vor, dass er rumschrie und mich an die Wand drückte. Er entschuldigte sich aber auch immer ausschweifend“, so die junge Mutter.

Sie habe lange an das große Glück geglaubt, ihm immer wieder verziehen. „Wir waren uns sogar einig, dass unsere Beziehung stark genug für ein zweites Kind ist.“

Was sie noch heute fassungslos macht: Sie thematisierte Freunden gegenüber nie die dunklen Seiten ihres Mannes. Im Gegenteil: Sie deckte ihn sogar, als er sich an den Kindern vergriff, die Jüngste mit einer Platzwunde ins Krankenhaus musste.

Irgendwann war das Maß voll, sie trennte sich. Kontakt hatten sie und Tobias aber natürlich weiterhin. Der Kinder wegen.

Die Überwindung, sich Hilfe zu holen, ist groß

Bei einem der Treffen erzählte sie ihm, dass sie eine neue Beziehung eingegangen ist. Tobias rastete komplett aus, schlug sie krankenhausreif. „Erst da habe ich die Kraft aufgebracht, ihn anzuzeigen“, erzählt sie. Leichter wurde die Situation danach nicht. Tobias stalkte sie, versuchte, die Kinder aus dem Kindergarten abzuholen, obwohl er das Sorgerecht verloren hatte, zerstach ihre Autoreifen, kontaktierte Freunde und Arbeitgeber, um sie in Verruf zu bringen.

„Mir Hilfe zu suchen fiel mir aber schwer“, gibt sie zu. Sie meldete sich allerdings in verschiedenen Facebookgruppen an und erkannte sehr schnell, dass ihr Schicksal kein Einzelfall ist. Andere betroffene Frauen ermutigten sie, sich juristisch zu wehren. Schließlich ließ sie sich vom Weißen Ring beraten und auch zu den Verhandlungen begleiten. „Das hat mir die nötige Rückendeckung gegeben“, sagt Sabrina.

Noch steht ihr eine Reihe an Gerichtsterminen bevor. Und an stillen Abenden wird ihr klar, dass die Gefahr für sie noch nicht gebannt ist. Doch sie hat neuen Lebensmut geschöpft. Sie hat sich aus der Opferrolle herausgekämpft.

* Der Name wurde zum Schutz der Betroffenen geändert.

Aktionswoche:

Am Montag, dem 23. November, um 8 Uhr gibt es eine Flaggenaktion am Amtshaus in Ilmenau, um 11 Uhr schließt sich ein Fahnenumzug zum Campus an.

Am Mittwoch, dem 25. November, ist um 12 Uhr eine Kerzenaktion in der Alten Försterei am Wetzlarer Platz in Ilmenau geplant. Jede Kerze, die dort entzündet wird, steht für eine Frau, der Gewalt angetan wurde.

In der Erfurter Straße in Arnstadt wurde das Schaufenster eines leerstehenden Geschäftes mit Infomaterialien zum Aktionstag gegen Gewalt an Frauen und Büchern dekoriert.

Am Mittwoch, 25. November, soll es zudem im Elxlebener Weg in Arnstadt ein stilles Gedenken an die junge Frau geben, die hier von ihrem Ex-Freund getötet wurde.