Innige Einheit von Werk und Interpretation

Arnstadt  Ensemble Tamuz aus Berlin präsentiert im Milchhof Arnstadt Fugenkunst von Bach, Eisler und eine Welturaufführung von Rodrigo Bauzá

Da sagt man, fälschlich, immer so gern, in Arnstadt sei nichts los. Am Samstag ab 18 Uhr wurde dieses Vorurteil wieder einmal widerlegt. Der Shanty-Chor Geraberg gastierte in der Traukirche zu Dornheim, die Bachpreisträgerin Rie Hiroe bestritt das Wandelkonzert VI in der Liebfrauen- und Bachkirche und das Ensemble Tamuz verzauberte als Abschluss der Ausstellung „weiß. Nullpunkt der Moderne“ den Milchhof in der Quenselstraße.

Schwer für den Musikinteressenten, sich hier zu entscheiden. Wer sich aber im Milchhof Arnstadt einfand, kam voll auf seine Kosten, wenn auch die versprochenen Werke von John Cage und Steve Reich ausfielen.

Ein Spiel mitten im Kreis der Zuhörer

An ihre Stelle traten Stücke von Hanns Eisler und dem Argentinier Rodrigo Bauzá, die sich vermutlich auch besser in das Hauptwerk des Abends, die „Kunst der Fuge“ von Johann Sebastian Bach, einfügten.

Wohl selten konnte man eine innigere Einheit von Werk, Interpretation und Akustik erleben. Das Ensemble Tamuz, 2015 in Berlin gegründet, spielte mit einer solchen Frische und Durchsichtigkeit auf, als sei die „Kunst der Fuge“ soeben erst entstanden. Überdies erwies sich der Wunsch der Musiker, mitten im Kreis der Zuhörer zu spielen, als eine weise Entscheidung, welche die Intimität des Konzertes noch steigerte.

Das Ensemble Tamuz erwies sich schon in seiner Besetzung als überraschend originelles Streichquartett. Violine und Bratsche spielten nämlich mit einem Violoncello und einem weiteren 5-seitigen Violoncello zusammen.

Dies führte zu einem äußerst sonoren Klang, der tief unter die Haut ging und sich zudem in der großartigen Akustik des Milchhofes grandios entfaltete.

Auch die ausgewählten und ineinander verwobenen Stücke bildeten eine geistreiche Einheit, sämtlich barocker Polyphonie und insbesondere der „Kunst der Fuge“, dem letzten Wunderwerk von Johann Sebastian Bach, verpflichtet. So erklangen nach den „Contrapunctus I, IV, VIII und IX“ Hanns Eislers „Präludium und Fuge über B-A-C-H“ aus dem Jahre 1934.

Nach den „Contrapunctus V, VI und VII“ ertönte als Höhepunkt des Abends „Contrapunctus VII – Fragen der Zeit“ von Rodrigo Bauzá in einer Welturaufführung.

Diese moderne Interpretation der Fugenkunst verblüffte als erregender Parforce-Ritt und führte zu einem rauschenden Applaus für die feinfühlig-virtuos und temperamentvoll aufspielenden Musiker.

Das berauschende Klangerlebnis endete für das Publikum mit dem „Contrapunctus XII“ und dem „Contrapunctus XIV: Fuga a 3 Soggetti“.

Hier berührte besonders tief, dass diese Fuge an der Stelle abbrach, an der das berühmte B-A-C-H-Motiv auftaucht – also dort, wo nach den Angaben von Carl Philipp Emanuel Bach sein Vater die Komposition beenden musste.

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