Kinder-Gebärdensprach-Festival im Ilm-Kreis

Dörnfeld  Ein Kinder-Gebärdensprach-Festival gibt es nur im Ilm-Kreis. Familien aus ganz Deutschland und Österreich reisen an

Die Kutschfahrt gehörte zum Programm beim bereits dritten Kinder-Gebärdensprach-Festival in Dörnfeld.

Foto: Berit Richter

Geschichten von zauberhaften Einhörnern und nimmersatten Raupen hört und erzählt wohl jedes Kind gern. Doch wenn Sina, Stella, Thomas, Julius und all die anderen Kinder, die sich am Wochenende mit ihren Eltern im Freizeitheim Dörnfeld trafen, Geschichten hören oder selbst erzählen, dann reden sie nicht mit ihrem Mund und hören mit ihren Ohren. Sie reden mit ihren Händen und lauschen mit den Augen. Denn die Kinder sind taub oder schwerhörig.

Zum dritten Mal lud der Biling e.V. zum Kinder-Gebärdensprach-Festival. 210 Teilnehmer hatten sich dafür angemeldet. Sie kamen aus ganz Deutschland, aus Österreich und Tschechien, denn so ein Festival, das gibt es nur im Ilm-Kreis. „Wir sind zum zweiten Mal da. Es ist eine tolle Veranstaltung“, erzählt Melanie Golb aus Burglengenfeld in Bayern. „Bei uns in der Nähe gibt es so etwas leider nicht. Wir haben zwei hörende und ein nichthörendes Kind. Das blüht hier jedes Mal richtig auf, wenn es unter Gleichgesinnten ist.“

Unter Kindern, die die gleiche Sprache sprechen, die Deutsche Gebärdensprache. Während der Nachwuchs mit Lampenfieber auf der Bühne steht und seine Geschichte gebärdet oder sich bei einem der zahlreichen Freizeitangebote vergnügt, hat das dreitägige Treffen für die Eltern oft auch eine andere Funktion. Erfahrungen austauschen und vor allem gemeinsam kämpfen, denn längst ist die Gebärdensprache noch nicht als gleichwertig zur Lautsprache angekommen in deutschen Politikerköpfen und Amtsstuben.

Magdalena Stenzel aus Dresden hat deshalb eine Petition für die bundesweite Umsetzung von barrierefreier Bildung mit Gebärdensprache ins Leben gerufen. „Etwa eines von tausend Kindern kommt gehörlos auf die Welt“, sagt sie. „Andere verlieren später ihr Gehör auf Grund von Krankheiten wie Leukämie oder Mumps.“ Aktuell bestehe sowohl in Gehörloseneinrichtungen, als auch in Regeleinrichtungen ein dramatischer Mangel an barrierefreien Bildungsangeboten für gehörlose Kinder, sagt sie. Es gäbe viel zu wenige Gebärdendolmetscher, man setze lieber auf Technik.

Mit der UN-Behindertenrechtskonvention haben gehörlose Kinder und Erwachsene seit 2009 in Deutschland ein Recht auf: Gebärdenspracherwerb und Bildung in Gebärdensprache. Mit der Umsetzung hapert es allerdings noch auf allen Ebenen, schon deshalb, weil es an in der Gebärdensprache ausgebildeten Pädagogen mangelt, ebenso an Dolmetschern, die zwischen Laut- und Gebärdensprache übersetzen können. „Viele, auch auf den Behörden, zeigen sich zwar von der Gebärdensprache interessiert und fasziniert“, sagt Magdalena Stenzel, „aber umgesetzt wird nichts.“ Gebärdensprache, so ihr Wunsch, sollte Teil der Lehrerausbildung, aber auch des Medizinstudiums, sein.

Barrieren für Bildung und Gesellschaft reduzieren, barrierefreies Lernen und Leben ermöglichen, das hat sich auch der ausrichtende Biling e.V – Biling steht für bilinguale Bildung in Gebärden- und Lautsprache – auf die Fahnen geschrieben. Mit dem bimodal-bilingualen Unterricht an der Erfurter Gemeinschaftsschule am Roten Berg hat Thüringen diesbezüglich durchaus Vorreiterrolle. Doch eigentlich, so sagt Magdalena Stenzel, sollten hörgeschädigte Kinder an allen Einrichtungen die Chance haben, zu lernen.

Der 2016 gegründete und in Arnstadt ansässige Verein hat rund 60 Mitglieder, hörende, schwerhörende und nichthörende. Ihnen geht es um mehr bilinguale Kulturangebote und gleiche Bildungschancen. Ferienfreizeiten und spezielle Theaterauffürhungen werden organisiert und eben das deutschlandweit einmalige Gebärden-Festival.

Nach der Premiere in Arnstadt vor zwei Jahren entschied man sich schon 2017 für Dörnfeld. Unter anderem, „weil es hier Übernachtungsmöglichkeiten gibt“ wie Katrin Löffelholz erklärte. Denn die drei Tage waren nicht nur mit den Aufführungen der Kinder angefüllt. Es gab unter anderem auch Vorträge für die Erwachsene.

Die Festivalteilnehmer im Alter von vier bis 15 Jahren bleiben von den Problemen ihrer Eltern eher unberührt. Mit einer gehörigen Portion Lampenfieber tragen sie ihre Geschichten und Gedichte vor und freuen sich, wenn ihnen viele Hände zuwinken. Das ist das Gebärdenzeichen für Applaus. Den bekam auch Clown Franz Paulus. Er ist von Geburt an gehörlos und gewann internationale Preise.

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