Lebensmittelrationen reichten oft nicht zum Überleben

Arnstadt.  Friedemann Behr erinnert sich an die Hungerzeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs

Wer auch immer Platz hatte, hielt sich Kaninchen. Denn diese konnte man mit Grünem vom Wegesrand durchfüttern. Fleisch zu kaufen gab es so gut wie nie.

Wer auch immer Platz hatte, hielt sich Kaninchen. Denn diese konnte man mit Grünem vom Wegesrand durchfüttern. Fleisch zu kaufen gab es so gut wie nie.

Foto: Holger Hollemann / dpa

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Friedemann Behr erlebte die Zeit hautnah mit und stöbert gern in alten Aufzeichnungen und Zeitungen. Insbesondere die Hungersnot im Nachkriegsdeutschland bewegt ihn:

„Befehl der Sowjetischen Militäradministration: Arbeits- beziehungsweise Meldepflicht für alle Männer von 14 bis 65, Frauen von 15 bis 50 Jahren.“ Dazu gab es eine Einstufung in Personengruppen, die der Nahrungsmittelzuteilung diente.

Schwerstarbeiter bekamen die Karte 1, Schwerarbeiter Karte 2, Arbeiter die 3, Angestellte die 4, Kinder bis 15 Jahre die 5 und Sonstige die 6.

Sofern es Lebensmittel gab, lagen die Rationen zwischen 450 und 250 Gramm Brot, 20 und 10 Gramm Fett, 65 und 30 Gramm Fleisch pro Tag. Milch gab es nur für Kinder bis zwei Jahre. Der Durchschnittslohn von Facharbeitern lag bei 200 Mark monatlich. Auf dem Schwarzmarkt kostete ein Brot 1945 zwischen 40 und 50 Mark, ein Pfund Zucker etwa 90 Mark, eine amerikanische Zigarette acht Mark. 1948 kostete ein Pfund Schweinefleisch in der HO 31,50 Mark.

Es konnte aber auch ganz anders kommen: „Vom 1. bis 9. September dürfen nur 100 Gramm Fleisch je Verbraucher (Karte 1) ausgegeben werden. Die Lebensmittelabschnitte für Normalverbraucher dürfen nicht beliefert werden. Inhaber der Lebensmittelkarte 2 erhalten statt 50 Gramm Fleisch ein Ei“, schrieb das Ernährungsamt am 3. September 1945. Verstöße konnten mit Gefängnis geahndet werden.

Die Zuteilungen für die Karten 1 bis 6 verringerten sich um 20 Prozent, für die Karte 6 blieb kaum etwas übrig.

Die Devise des „großen, weisen Stalins“ lautete: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Zur nicht arbeitenden Bevölkerung gehörten wir als Oberschüler und die Studenten, die „Intelligenzis“, von den Russen ohnehin beargwöhnt, die Hausfrauen, Kranke, Kriegsversehrte und vor allem die vielen alten Leute.

Sie alle mussten mit der Karte 6 vorliebnehmen, also Hunger pur. In den zwei harten Nachkriegswintern sind viele von ihnen einfach ganz still verschwunden, verhungert oder erfroren. Aus verständlichen Gründen wurde dieses Elend von den Behörden totgeschwiegen. Erst nach dem Mauerfall wurde das Ausmaß bekannt und aufgearbeitet.

Unser Hauptnahrungsmittel, die Kartoffel, war meistens auch nur spärlich vorhanden. Deswegen wurde sie häufig gestreckt, das heißt, meine Mutter rieb zwei von ihnen in kochendes Wasser, das sich zu einer schlickrigen Flüssigkeit verdickte, also eine Art Suppe, die wir gern löffelten, besonders, wenn sie gut gewürzt war.

Zu Gemüse verarbeitete man Produkte der freien Natur, Giersch und Brennnesseln wurden etwa Spinat. Wo immer ein Eckchen Gartenland oder Wiese zu erwerben war, legte man Beete an, um selber Kohl, Möhren oder rote Rüben oder gar Kartoffeln zu ziehen. In Mode kam, Kaninchen zu halten, im Hof, sogar auf dem Balkon oder in alten Schränken. Gras und Klee fand man an den Wegrändern und gelb blühenden Löwenzahn, ihre Lieblingsspeise. Meine Mutter zauberte aus einem Kaninchen sieben ganz verschiedene Mahlzeiten, Blut und Leber, Rücken und Keulen, Kopf und Glieder.

Alle einte eine verbindende Kraft, gemeinsam zu überleben.