Stolpersteine erinnern an verfolgte und ermordete Arnstädter

Arnstadt  Die Namen im Pflaster holen die Opfer ins Bewusstsein der Stadt zurück und sind ein Beitrag im Kampf gegen das Vergessen.

Neue Stolpersteine zum Gedenken an ehemalige jüdische Mitbürger wurden Donnerstag wieder in Arnstadt verlegt. In der Bahnhofstraße 34 wird an Familie Simon erinnert. Die Eltern wurden vor 77 Jahren nach Theresienstadt deportiert und ermordet, dem Sohn gelang die Flucht in die USA.

Neue Stolpersteine zum Gedenken an ehemalige jüdische Mitbürger wurden Donnerstag wieder in Arnstadt verlegt. In der Bahnhofstraße 34 wird an Familie Simon erinnert. Die Eltern wurden vor 77 Jahren nach Theresienstadt deportiert und ermordet, dem Sohn gelang die Flucht in die USA.

Foto: Ralf Ehrlich

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Ulrike Kinitz spielt chassidische Musik auf ihrer Quintone, es wird eng vor dem Haus in der Bahnhofstraße 34. Hier, gleich neben dem ehemaligen Kino, lebte die Familie Simon, bis sie in ein Judenhaus umziehen musste. Am 19. September 1942 wurden Hermann und Fanny Simon von Weimar nach Theresienstadt deportiert und ermordet, ihrem Sohn Walter gelang die Flucht in die USA.

Auf den Tag genau 77 Jahre nach der Deportation treffen sich Einwohner, Schüler und Politiker, um für sie Stolpersteine zu setzen – jene kleinen Betonklötze mit Namen und Lebensdaten auf einer Messingplatte. Man muss nicht zwingend über sie stolpern, aber vielleicht kurz innehalten.

Nur wenige haben überlebt

Diese Stolpersteine tragen das Schicksal der Menschen mitten in die Stadt, wo die Verbrechen stattgefunden haben, sagte Alexander Nachama, Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde.

Inzwischen liegen Stolpersteine in der Erfurter Straße, in der Fleischgasse, in der Karl-Marien-Straße, in der Lindenallee, auf dem Markt, auf dem Pfarrhof und anderswo. 148 waren es bisher, am Donnerstag kamen zwölf weitere für Opfer des Nationalsozialismus hinzu – drei für die Familie Simon vor dem Haus Bahnhofstraße 34, drei für die Familie Neuburger vor der Güntherstraße 15 und sechs für die Familie Schaul/Stern vor der Herzog-Hedan-Straße 16. Dort hatte Klaus Stern nach dem Krieg einen Zettel hinterlassen für seine junge Frau Paula, die aus Auschwitz zurück nach Arnstadt kam. Beide fanden sich wieder, aber ein Überleben war die Ausnahme.

„Wir tragen keine Schuld an der Schoah“, sagte Jörg Kaps, der seit 2007 zur Geschichte jüdischer Familie in Arnstadt forscht und das Stolperstein-Projekt betreut, „aber wir haben Verantwortung für die heutige Gesellschaft und damit für die Zukunft“. Für die junge Generation steht die Klasse 9d des Melissantes-Gymnasiums, die an einem sozialen Tag Stolpersteine reinigte und später Geld sammelte. Robin übergab es in der Gedenkveranstaltung. Alle Steine sind mit Spenden finanziert.

Bürgermeister Frank Spilling (parteilos) betonte, stolz zu sein, dass sich Arnstadt an diesem größten dezentralen Mahnmal der Welt – mit mehr als 60.000 Stolpersteinen in 21 Ländern – beteiligt. Das sei für das Gewissen der Stadt unverzichtbar und jeder ein Puzzlestück im Kampf gegen das Vergessen – in einer Zeit, in der Hass und Fremdenfeindlichkeit zunehmen.

Sein Opa habe nie über diese Zeit sprechen wollen, erinnert sich Peter Neuburger. Es ist um so wichtiger, es heute zu tun.

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