„Wann das letzte Licht ausging, ist schwer zu sagen – es war eher ein Dimmen“

Ilmenau  Im September möchten ehemalige Porzelliner das Henneberg-Gelände mit Führungen, Filmen und Flohmarkt beleben. Der Untergang des Werkes in Ilmenau ist ein dunkles Kapitel der industriellen Geschichte Thüringens nach 1990

Eines der Gebäude der einstigen Fabrik von Henneberg-Porzellan (Hepo) in Ilmenau – im Volksmund genannt „Der weiße Riese“.

Eines der Gebäude der einstigen Fabrik von Henneberg-Porzellan (Hepo) in Ilmenau – im Volksmund genannt „Der weiße Riese“.

Foto: Arne Martius

Henneberg-Porzelliner wollen zum Tag des offenen Denkmals am 8. September eine Art Abgesang und letztes Belegschaftstreffen, auch für Geschichtsinteressierte, machen. Wir sprachen mit einem der Initiatoren, Klaus-Ulrich Hubert.

Soll mit der Aktion am Denkmaltag noch mal in alten Wunden gerührt werden?

Wir wollen mehr Öffentlichkeit beim Nachdenken über die Zukunft des vergammelnden Baukörpers am Eichicht befördern. Kaum einer glaubte, dass der „Weiße Riese“ zu einem Zwerg, zu einem Nichts geschrumpft werden könnte. War dann aber nach der Wende so. Und all die „Investoren“ mit ihren Millionen-Geschenken aus öffentlichen Mitteln schritten wie in Gullivers Reisen bei uns „Zwergen“ durch.

Und sahen dort um ihre Jobs bangende Hepo-Mitarbeiter?

Ja, Hepo, wie wir sagten, das waren Dekorbänder, Theater-Anrechtsfahrten, Gießereilinien, Tischlerei, der riesige Tunnelofen, Designentwicklungsbaracken, Betriebsschule, Sozialökonomie-Abteilung, Betriebskindergarten, Instandhaltungswerkstätten, die Betriebsgast-stätte, der Ratiomittelbau, die Porzellanmasse-Aufbereitungen, der Versand, das EDV-Rechenzentrum... Sie sollten Henneberg einfach mal aus der Luft sehen, dann verstehen Sie den trotzigen Stolz der über 2000 Menschen auf ihre „Kleinstadt“.

Wie viele Mitarbeiter hatte Henneberg-Porzellan ?

Bei seinen Archivrecherchen fand Herr Kühnlenz, dessen Eltern beide bei Hepo arbeiteten, gesicherte Zahlen: 1976 zählten wir 2246 Henneberger, davon 1195 Frauen und Mädchen. 671 von ihnen arbeiteten im Mehrschichtsystem, 1108 Jobs insgesamt gab es in drei Schichten. Es blieben nach dem VEB-Ende 2002 noch rund 200 Jobs übrig.

Und jetzt nur noch eine dicke Betonhülle, während sich die Natur zurück holt, was ihr mal am Eichicht gehörte?

Ja, was ihr gehörte bis zur Grundsteinlegung am 3. Mai 1969. Am 1. Oktober 1972 nutzten dann rund anderthalbtausend Bürger die Möglichkeit, ihr neues Porzellanwerk vor der Inbetriebnahme zu bewundern. Hunderte Familien zogen hierher, weil moderne Jobs und vor allem auch Neubauwohnungen lockten. Den Henneberg-Tassen folgte auf den Kahlschlag die wuchernde Dornröschen-Hecke entlang der rund 300 Meter Nord-Süd-Achse Richtung A 71 Ilmenau-Ost.

Die Stadt Ilmenau wird kaum Finanzkraft genug haben, am Eichicht allein eine Zukunftslösung umzusetzen.

Millionenteure Schotterfläche nach einem gigantischen Abriss? Oder Umnutzung? Unweit Homburg wurde die heutige, eigentlich hässliche Industriebrache der Völklinger Hütte zum Unesco-Weltkulturerbe. Genau 100 Jahre vor dem Start des neuen Ilmenauer Porzellan-VEB mit seinen Wurzeln von 1777 entstand die Hütte. Heute gibt es Museen, Kunst-Events und Raum für Kreative zwischen Hochöfen und Förderanlagen. In Ilmenau konnten sie die am Wetzlarer Platz errichtete Henneberg-Vitrine gar nicht rasch genug aus dem Weg räumen. Ein Liquidchronometer war nach der Wende schicker.

Sie waren zu DDR-Zeiten Betriebszeitungsredakteur bei Henneberg. Was durfte da in der Zeitung stehen?

Der „Henneberg-Report“, offiziell Organ der Betriebsparteiorganisation, hatte 14-tägig 2000 Exemplare Auflage. Keine Ausgabe ohne Aktfoto und Aphorismen, Kurzgeschichten, Witzen, Kulturtipps, Hobbyreportagen. Dann die Beiträge übers Brigadeleben, Wettbewerbsvorhaben, Planerfüllung. In den letzten Jahren auch schon mal Kritikäußerungen „unserer Werktätigen“. Aber es war mehr als Ostalgie, dass man seinen Stolz als Mitarbeiter – oft hatte die ganze Familie den Hepo-Betriebsausweis – behielt. Und längst auch den Wunsch, sich seiner oftmals besten, aufstrebenden Jahre zu erinnern. Henneberg war ja nicht irgendeine Klitsche. Porzellan und Glas schrieben hier seit Jahrhunderten strukturbestimmende Industriegeschichte.

Henneberg-Porzellan war vor der Wende in der Republik und weltweit bekannt. Was war das Besondere daran?

Franz Josef Strauß soll zur Leipziger Messe an unserem Stand sinngemäß geäußert haben, dass ihm das viele „rote Export-Porzellan aus Thüringen...“ als mächtige Konkurrenz zu Nordbayerns alten Traditionswerken im Magen lag. Unser Profil war gehobenes Haushaltsporzellan und Zubehör. Ein hoher Automatisierungsgrad, die Massenproduktion, plus Jahrhunderte-Ruf und Tradition sowie das Können der Porzelliner und Designer machten Henneberg gefragt in aller Welt. So dass oft für den Binnenmarkt in der DDR zu wenig übrig blieb.

Hepo galt als größter, modernster Betrieb im VEB Kombinat Feinkeramik Kahla. Wie viele Werktätige gab es in dieser Art Konzernverbund?

Die Zeitung „Die Welt“ nannte mal die Zahl von 18.000 Beschäftigten in vielfach verzweigten Strukturen einst eigenständiger Betriebe. Wir hatten Betriebsteile von Stadtlengsfeld in der Rhön bis Martinroda, Großbreitenbach und anderswo. Insgesamt gut 2200 Leute. Darunter Hunderte Polinnen, Ungarinnen, Vietnamesen und Kubaner als Vertragsarbeiter. Alljährlich kamen über 50 neue Lehrlinge hinzu: Vom Keramtechniker, Porzellanmaler bis zum Facharbeiter für Kaufmännisches oder Instandhaltung.

Nach der Wende 1989/90 gab es ein Drunter und Drüber, den Abstieg des Betriebes, Aufstiege immer neuer Geschäftsführer. Immer weniger Produktion und Entlassungen.

Wann das letzte Licht ausging, ist schwer zu sagen – es war eher ein Dimmen. Der letzte Mohikaner war eigentlich Heike Simons Werksverkauf, der im Herbst 2018 schloss. Es gab auch ernsthafte Rettungsbemühungen durch die 2003 gegründete HERO GmbH, die 2005 das Porzellanwerk Triptis übernommen hatte, bevor etwa ab 2007 nur noch der Hausmeister der Insolvenzverwaltung da war. Und diverse Nutzer der Hallen für Lager von WC-Papier bis zu Kreativen. Einige der Musikbands, die hier auf dem Gelände noch ihre Probenräume haben, sind am 8. September dabei.

Apropos: Was ist alles geplant zum Tag des offenen Denkmals? Gibt es auch Führungen auf dem Betriebsgelände?

Als aus der ursprünglichen „Tschüss Hepo!“-Party der solidere Gedanke des Denkmaltages wurde, führte der Heimatgeschichtliche Verein ein Dutzend Porzelliner zur Ideenkonferenz zusammen. Es wird bewegende Wiederbegegnungen am Eichicht geben, dazu Live-Musik, einen Flohmarkt mit Porzellan. Bislang sind aber laut Insolvenzverwaltung die großen Hallen für Führungen tabu. Spannend werden die Ergebnisse von Michael Kühnlenz‘ Henneberg-Geschichtsforschung. Er zeigt Diashow und andere Dokumente.

Wie weiter mit dem Gelände?

Ob die mächtige Bausubstanz, einst von Tausenden polnischen Budimex-Bauleuten Anfang der Siebzigerjahre buchstäblich aus dem (Wald-)Boden gestampft, abgerissen oder ideenreich umgenutzt werden kann: Ich bin heilfroh, das nicht entscheiden zu müssen. Aber ob mehrstellige Euro-Millionen lediglich mal teuere, geschotterte Gewerbeflächen bietet oder Indoor-Motocross und Spielfelder? Aufbruch, Umbruch… Abbruch?

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