Beleidigungen unter aller Würde: Reisegruppe mit Corona-Verdacht wird massiv angefeindet

Roßleben-Wiehe.  Eine Reisegruppe aus dem Kyffhäuserkreis sieht sich massiven Anfeindungen in allen Lebensbereichen ausgesetzt und wird öffentlich an den Pranger gestellt.

Am 18. März entdeckten Passanten in Wiehe in der Nähe des Wohnortes der sich in häuslicher Quarantäne befindlichen Personen diesen „Corona-Schriftzug" auf der Straße. 

Am 18. März entdeckten Passanten in Wiehe in der Nähe des Wohnortes der sich in häuslicher Quarantäne befindlichen Personen diesen „Corona-Schriftzug" auf der Straße. 

Foto: Steffen Sauerbier

Seit über zehn Tagen werden eine Reisegruppe und deren Angehörige wegen des Coronavirus massiv angefeindet. Deshalb sieht sich der Bürgermeister der Stadt Roßleben-Wiehe, Steffen Sauerbier (SPD), nun gezwungen, Partei für diese zu ergreifen. Alle aktuellen Infos im kostenfreien Corona-Liveblog

Es handelt sich um die Reisegruppe aus Roßleben-Wiehe, die am 7. März von ihrem Skiurlaub in Tirol in ihre Heimat zurückkehrte. Zum Zeitpunkt ihrer Ankunft zeigte sie laut Sauerbier lediglich Anzeichen einer normalen Erkältung. Da die Männer seit vielen Jahren nach Tirol fahren und immer Erkältungen mitbrachten, schien alles normal. An eine Infektion mit dem Coronavirus habe niemand gedacht, weil Tirol am 7. März noch nicht als Risikogebiet galt.

Aus diesem Grunde nahmen auch Ehefrauen beziehungsweise Lebenspartnerinnen der Zurückgekehrten an der Frauentagsfeier in Bottendorf am Abend des 7. März teil. „Als sich dann am 8. März bei einem Mitglied der Reisegruppe die Erkältungssymptome verstärkten, habe dieser extra zu einer Notlüge gegriffen, um einen Abstrich in Jena zu bekommen.

„Da Tirol noch nicht als Risikogebiet galt, sagte der Mann, dass er in Südtirol im Urlaub war und erhielt so den Abstrich“, sagt Sauerbier. Daraufhin begaben sich alle Rückkehrer und deren Angehörige geschlossen in freiwillige Quarantäne. Entsprechend sei niemand der Rückkehrer am 9. März auf Arbeit gegangen. Alle Kontaktpersonen der Reisegruppenmitglieder seien dann bis spätestens 12. März negativ auf den Coronavirus getestet worden.

Die Betroffenen befinden sich weiterhin in häuslichen Quarantäne. „Wenn erneute Abstriche Ende dieser Woche wieder negativ ausfallen, könnten sie ihre Quarantäne verlassen“, sagt Sauerbier. Die Menschen könnten also wieder am öffentlichen Leben teilnehmen. Sie würden aber befürchten, dass die Anfeindungen dann noch zunehmen. „Schon jetzt sind die Beleidigungen und Verunglimpfungen in den sozialen Medien unter aller Würde“, sagt Sauerbier.

Dass am Mittwoch in der Nähe der Wohnung eines Betroffenen nun der Schriftzug „Corona“ auf die Straße geschrieben wurde, sei ein weiterer Schritt der Denunziation. Deshalb habe der Bürgermeister bei der Polizei Anzeige gegen unbekannt erstattet. „Ich stelle mich klar vor die Leute. Jeder kann sich mit diesem Virus infizieren. Alle sollten dankbar dafür sein, dass sich diese Menschen so verantwortungsvoll verhalten haben“, betont Sauerbier. Es sei wichtig, in solchen Zeiten zusammenzuhalten und die Gesellschaft nicht durch Hetze auseinanderzutreiben.