Gordon Keiling vom „Thüringer Hof“ in Bad Frankenhausen: „Das Geld ist aufgebraucht“

Bad Frankenhausen  Gastronomen vermissen neben Novemberhilfen auch Weitsicht der Politik und fordern klare Signale, wann und wie es weitergeht

Gordon Keiling, Inhaber vom Hotel und Restaurant "Thüringer Hof" in Bad Frankenhausen, steht in seinem leeren Gastraum.

Gordon Keiling, Inhaber vom Hotel und Restaurant "Thüringer Hof" in Bad Frankenhausen, steht in seinem leeren Gastraum.

Foto: Ingolf Gläser

Im seit gut zwei Monaten anhaltenden so genannten Lockdown bangen Gastronomen und Hoteliers inzwischen um ihre Existenz. Zwar sind die gastgewerblichen Betriebe seit Anfang November geschlossen. Doch auf die von der Bundesregierung angekündigte „Novemberhilfe“ warten sie bis heute.

Gordon Keiling ist eigentlich eine Frohnatur. Nicht mal in Coronazeiten vergeht dem Geschäftsführer vom „Thüringer Hof“ in Bad Frankenhausen sowie vier weiterer Gastronomiebetriebe das Lachen. Oder gerade deswegen. Denn wenn Gastwirte wie er tiefer über ihre Lage nachdenken, müssten ihnen eigentlich die Tränen in die Augen steigen.

Ganze 10.000 Euro Abschlag hat Keiling im Dezember für seine Einrichtungen bislang bekommen. Ein Witz. Gordon Keiling formuliert es diplomatischer und bezeichnet die Summe als „ganz minimale Sache“ im Vergleich zu den 100.000 Euro Lohnkosten, die der Betrieb monatlich an seine hundert Mitarbeiter zahlt. Als „Pech“ bezeichnet es der Gastronom, dass 2019 das Café P im Panoramamuseum wegen der Museumssanierung durch das Land geschlossen war und damit aus der Berechnung für die Staatshilfe fiel, die sich am Umsatz des Vorjahresnovembers orientierte. „Damit sind wir nun praktisch doppelt bestraft“, sagt er. Das mag vielleicht ein Einzelfall sein, „aber es tut alles weh.“

Um nicht in Vergessenheit zu geraten, haben viele Gastronomiebetriebe auf Essen zum Mitnehmen oder Lieferservice umgestellt. Gordon Keilings Gasthäuser bieten „Sous-vide“ an. „Das ist Essen im Niedriggarverfahren. Die Kunden geben telefonisch ihre Bestellung ab und erhalten dann Speisen in Restaurantqualität im Kunststoffbeutel eingeschweißt, die sie dann zu Hause im Wasserbad zubereiten“, beschreibt Keiling das Prinzip. Damit mache er anderen Kollegen keine Konkurrenz. Reich werde er davon nicht und das sei auch nicht das Anliegen der Aktion. „Es ist nur so, dass man noch in Bewegung bleibt. Dass die Häuser nicht einrosten und dass noch ein paar Mitarbeiter beschäftigt sind. Und um ein bisschen Werbung zu betreiben - einfach um irgendwie noch ein positives Signal auszusenden.“ Im Dezember habe er sogar draufgelegt, sagt er.

Inzwischen ist Januar und von Novemberhilfe weiter nichts in Sicht. Ohne die versprochene staatliche Unterstützung prophezeit der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) ein noch nie dagewesenes Gastronomiesterben. „Das Geld ist aufgebraucht. Derzeit gucken wir zu, wie wir uns Tag für Tag mehr verschulden“, schildert Keiling und bezieht das auch auf andere Branchen wie etwa die Veranstaltungsindustrie. Denn die Kosten laufen für die Unternehmen unerbittlich weiter. „Das beschäftigt mich als Arbeitgeber in der Nacht. Man fühlt sich so machtlos“, sagt Keiling. „Wenn nicht bald Geld kommt, haben selbst gesunde Unternehmen wie wir bald arge Probleme."

Was der Unternehmer außerdem vermisst, sind Signale aus der Politik, wann und unter welchen Umständen es wieder weitergeht – klar, offen und ehrlich. Dass Corona gefährlich und ernst zu nehmen sei, sei keine Frage, so Keiling. Aber dass der Lockdown nicht am 10. Januar endet, sei der Politik sicher schon länger bekannt gewesen. Hier hätte nach seiner Ansicht der Schaden zumindest begrenzt werden können. „Hätten wir schon am 1. November gewusst, dass sich das vielleicht bis April hinzieht, hätten wir viele Verträge kündigen können. Dann wären viele Kosten gar nicht mehr entstanden“, prangert Keiling das zögerliche Agieren sowie fehlende Weitsicht an.

Auch für Possen-Betreiber Bernd Jahn in Sondershausen ist es wichtig, dass es rasch klare Ansagen über die Wiederaufnahme des Gastronomiebetriebs gibt. „Über die Wochen wurden wir immer wieder vertröstet. Im Moment kommen wir noch zurecht. Aber wir brauchen unbedingt eine Perspektive!“, sagt der Possenchef und kritisiert ebenfalls die Hinhaltetaktik. „Dieses Scheibchenweise ist das Schlimmste!“, sagt er. Zwar gebe es inzwischen Hinweise auf eine Corona-Hilfe 3. „In der Summe haben wir aber schon ein halbes Jahr zu gehabt, wer will das überleben? Die Kredite laufen weiter und der Strom. Man kann ja nicht alles abstellen“. Viele seiner Kollegen seien am Limit, jetzt gehe es ans Eingemachte, die Reserven seien aufgebraucht.

Sein Betrieb habe im November die erste Abschlagszahlung der Corona-Hilfe bekommen und versucht, die Kosten niedrig zu halten. Für alle dreißig Mitarbeiter habe das Unternehmen Kurzarbeit beantragt, nachdem alle im November und Dezember Urlaub genommen und Überstunden abgetragen hätten. Wobei die Tierpfleger weiter im Dienst wären, denn irgendwer müsse ja die Tiere versorgen. Jetzt setzt Jahn auf die Corona-Impfung und darauf, dass bald eine Rückkehr in die Normalität erfolgen kann. „Wir können ja nicht alle in Haft genommen werden für die hohen Fallzahlen“, so Jahn. Selbst sei er optimistisch: „Wir werden überleben, davon bin ich überzeugt. Aber viele andere?“