Experte über Unstrut-Krokodil: "Die Gefahr sollte man nicht unterschätzen"

Kyffhäuserkreis.  Dennis Müller, Direktor des Bergzoos in Halle, über die Fotofalle bei Schönewerda, die Gefährlichkeit des etwaigen Unstrut-Krokodils und seine Überlebens-Chancen.

Ein Krokodil  schwimmt im Meeresaquarium Zella-Mehlis.

Ein Krokodil schwimmt im Meeresaquarium Zella-Mehlis.

Foto: Alexander Volkmann

Der Köder ist gelegt, die Fotofalle aufgestellt. Nun heißt es warten. Über die Chancen, das etwaige Unstrut-Krokodil in Schönewerda zu sichten und zu fangen, spricht Michael Voß mit Dennis Müller, dem Direktor des Bergzoos in Halle/Saale.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass die Fotofalle zuschnappt?

Es ist zumindest eine effizientere Maßnahme als wenn 80 Leute ein doch recht scheues, immer wieder abtauchendes Tier mit Schlauchboot und Quads suchen. Ob eine Falle genügt, ist bei so einem relativ großen Flussabschnitt fraglich. Denn es bleibt die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Auch wenn sie jetzt, ebenfalls sinnbildlich, mit einem kleinen Magneten erfolgt. Man wird auf den Fotos aber vor allem andere Tiere sehen wie Fuchs, Waschbär, Marder. Die sind vermutlich schneller am Köder, weil der Stoffwechsel des Krokodils bei dem Klima langsamer funktioniert. Aber ein Hoffnungsschimmer besteht.

Schmeckt ihm totes Huhn?

Durchaus. Es ist da recht variabel und anpassungsfähig. Es frisst Fische, Wassergeflügel, Kleinsäuger, auch Aas.

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Wie lange kann es ohne Fressen auskommen?

Es kann recht genügsam sein. Unsere Nil- und Wüstenkrokodile im Zoo bekommen einmal pro Woche zwei Ratten oder einen großen Fisch und sind damit auf der sicheren Seite. Aber wir können davon ausgehen: Wenn ihm an der Unstrut ein Köder angeboten wird und es ist noch in der Nähe, wird das Krokodil fressen.

Wie gefährlich ist es für Menschen?

Zum Beutespektrum zählt er nicht. Aber es kann, in Bedrängnis, aggressiv werden und auch an Land kurzzeitig unerwartet schnell laufen. Die Gefahr sollte man nicht unterschätzen.

Halten Sie die bei der Sichtung beschriebene Größe von zwei Metern für realistisch?

Ohne die Zeugin diskreditieren zu wollen: Bei Sichtungen neigen wir, noch im Eindruck des gerade Erlebten, generell dazu, so etwas zu überschätzen. Wer ein Zwei-Meter-Krokodil besitzt, meint es über Jahre mit Haltung und Pflege ernst. So etwas entsorgt man nicht oder lässt es entwischen und schweigt dann.

Normalerweise muss solch ein Tier doch angemeldet sein, oder?

Natürlich. Der Händler gibt die Dokumente mit. Es gibt jedoch eine Dunkelziffer von Leuten, die es, aus welchen Gründen auch immer, dann nicht anmelden. Hinzu kommt der illegale Handel, bei dem vor allem über Tschechien immer wieder Tiere in die Region gelangen. Und einige Leute, die sich solch ein Tier aus einer Laune heraus kaufen, sind irgendwann überfordert. Aber dann ist es sicher noch keine zwei Meter lang.

Wie ortstreu kann so ein entlaufenes Krokodil sein?

Viele Arten sind tatsächlich revierbildend, wenn das Nahrungsangebot stimmt. Und die Unstrut ist fisch- und wasservogelreich. Junge Tiere vagabundieren eher, legen dabei auch Strecken an Land zurück.

Welche Überlebenschance geben Sie dem Krokodil bei normalem Verlauf von Herbst und Winter?

Das kommt auf die Art an. Deshalb ist es wichtig, dass wir über Fotofallen oder andere Sichtungen Hinweise bekommen, wie groß das Problem tatsächlich ist oder noch werden kann. Die kleineren Brillen- und Krokodilkaimane, die Privatpersonen häufiger halten und die mitunter anderswo in Europa ausgesetzt wurden, haben bei Temperaturen von unter zehn Grad, sowohl im Wasser als auch an Land, schlechte Karten. Anders sieht es zum Beispiel bei Mississippi-Alligatoren aus. Die verfallen in eine Art Kältestarre und hätten auf Tauchstation bei nur leichten Frostgraden eine reelle Chance.

Wäre der Bergzoo Halle bereit, das Tier aufzunehmen, wenn es denn gefangen würde?

Als Übergangslösung wäre das möglich. Wir sind auch bereit, zu beraten und zu helfen. Das Fangen könnte sich allerdings kompliziert gestalten. Es gibt hierzulande keinen Crocodile Dundee, um auf den australischen Film anzuspielen. Den Einsatz von Narkose-Gewehren stelle ich mir ebenso schwierig vor wie ein Fischen mit Netzen. Es gibt bei uns spezielle Transportkisten, die man vielleicht zur Falle umrüsten kann. Doch erstmal bräuchten wir mehr Klarheit.