Leidenschaftliche Sammlerin und ein unvergessliches Original Bretlebens

Bretleben.  Zum Tod von Else Ehrich: Dreißig Jahre lang baute sie in Bretleben ihr Privatmuseum auf, das Scheunen und Garagen füllt.

So kennt man sie: Else Ehrichs beim Rundgang durch ihr Museum.

So kennt man sie: Else Ehrichs beim Rundgang durch ihr Museum.

Foto: Kerstin Fischer

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Du gehst zu Else Ehrich! Das musst du gesehen haben!

Die Worte meiner Redaktionskollegen amüsiert, nachdem die Bretlebenerin in der ihr eigenen energischen Art telefonisch um den Besuch eines Redakteurs gebeten hatte, weil es aus dem Heimatmuseum „Ehrich’s Höfe“ was Neues zu berichten gab.

Das ist acht Jahre her. Als ich am Haus vorfuhr, trat die Achtzigjährige aus der Tür. In weißer Spitzenbluse mit Häkelweste darüber, klein, fast zierlich, ein Hütchen auf dem Kopf. „Neu hier?“, fragte sie und auf mein Ja blitzten ihre Augen auf. Den Blick konnte ich damals nicht deuten. Heute schon: Jemand, der Ehrich’s Höfe nicht kennt? Dem lässt sich abhelfen! Und schon stiefelte Else Ehrich los und duldete keinen Widerspruch. Und auch keinen Blick auf die Uhr.

Alltagsgegenständeaus uralten Zeiten

Ich weiß nicht mehr, was genau der Anlass für meinen ersten Besuch war. Dafür erinnere ich mich an vieles andere. Es ging quer über den Hof und dann von Scheune zu Scheune, treppauf, treppab, durch Türen und Tore, in Garagen und in den Keller. Else Ehrich gab das Tempo vor und plauderte. Zu jedem Ausstellungsstück fiel ihr etwas ein. Es sind zahllose.

Schwer, alles auf einmal zu erfassen. Doch weitere Besuche in Bretleben sollten folgen. Und jedes Mal gab’s eine Führung. Da half auch zaghafter Protest nichts. „Zum Auffrischen“, sagte die Hofherrin bestimmt und wieselte vorweg.

Eine Halle voller alter Pkw, eine Halle voller alter Technik vom Radio und Fernseher bis zum Robotron-Computer. In weiteren Hallen Zinkwannen, Badeöfen, Stromaggregate, Drehbänke, Wäschetruhen, Kommoden, Werkzeug, Spielzeug, Puppenzubehör, Waschkrüge, ein Bildnis vom letzten Kaiser Wilhelm, gusseiserne Bügeleisen, Kinderwagen, Wäsche, Porzellan, Briefe und Dokumente aus Zeiten der Großeltern und Urgroßeltern.

Else Ehrichs Erklärungenmachen Ausstellung lebendig

Die Hallen waren vollgestopft, oft herrschte ein wildes Durcheinander. Keine Vitrinen, keine Begleittexte. Die Ausstellung lebt von Else Ehrichs Erklärungen. Man möchte stehen bleiben und alles auf sich wirken lassen. Aber die alte Dame drängt zur Eile: Schnell, sonst schaffen wir nicht alles. Und natürlich die historische Apotheke aus dem 18. Jahrhundert – auf die war Else Ehrich besonders stolz.

Anfang der 1990er Jahre begannen Else Ehrich und ihr Mann mit dem Sammeln ländlicher Alttagsgegenstände aus alten Zeiten. Das sprach sich rum. Irgendwann brachten auch Leute Stücke, die sie noch in Kellern und auf Böden fanden. Als ihr Mann 1997 starb, machte Else Ehrich alleine weiter.

Exponate aus drei Jahrhunderten füllen jeden Winkel in den Hallen. kaum ein Fleck ist ungenutzt. Die Wände hängen voller Bilder und Dokumente. Das macht den besonderen Charme des Hofes aus.

„Und jetzt noch in dieses Haus“, dirigierte sie plötzlich nach rechts, als ich mich kurz vor dem Tor am Ende des Rundgangs wähnte. Das Bettenmuseum. Vom gutbürgerlichen Ehebett mit üppigem Kissenbesatz bis zur einfachen Eisenpritsche beherbergte der große Raum alles, worauf sich ruhen lässt. Sogar nächtigen konnten Gäste hier.

Später begann Else Ehrich, das Außengelände mit Baum- und Straucharten zu bepflanzen. Ein Botanischer Garten sollte entstehen. Auch dazu lud sie mich ein, um darüber in der Zeitung zu schreiben. Schulklassen sollten etwas lernen können, meinte sie.

In den letzten Jahren wurde es ruhig um Else Ehrich, die auch Schafe hielt, mit behördlicher Genehmigung Hanf anbaute, sich im Heimatverein engagierte sowie für die Restaurierung der Bretlebener Kirche.

Else Ehrich war ein Phänomen. Ein Original. Eine bemerkenswerte Frau. Am 13. Februar starb sie im Alter von 87 Jahren. Wer sie kennenlernen durfte, vergisst sie nicht.

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