Transsexualität: Das Innere entscheidet

Bad Frankenhausen.  Anne-Marie Pätzold hat ihre komplette Angleichung gemeistert und bietet nun anderen Betroffenen ihre Hilfe an.

Anne-Marie Pätzold ist transsexuell. Sie engagiert sich als Beraterin für andere Menschen, die sich auch als transsexuell ansehen.

Anne-Marie Pätzold ist transsexuell. Sie engagiert sich als Beraterin für andere Menschen, die sich auch als transsexuell ansehen.

Foto: Patrick Weisheit

Anne-Marie Pätzold fühlt sich mit 55 Jahren endlich wohl in ihrem Körper. Seit Mai dieses Jahres ist sie auch vor dem Gesetz eine Frau und steht wieder voll im Leben. Mittlerweile berät sie andere Menschen, die sich für transsexuell halten, und hält auch Vorträge über Transsexualität und ihren eigenen Werdegang. Ein Gespräch über die Hürden auf dem Weg zu sich selbst und Hilfestellungen für andere Betroffene.

Sie haben in diesem Jahr endgültig Ihre frühere Identität als Mann abgelegt. Wie fühlt sich das an und was war dafür notwendig?

Ich habe eine Namens- und Personenstandsänderung nach dem Transsexuellen-Gesetz durchgeführt und bin seit Mai letzten Jahres offiziell Frau Anne-Marie Pätzold mit Geburtsurkunde und Personalausweis. Ich würde mich also scherzhaft als staatlich geprüfte Frau bezeichnen. Dazu waren zwei Gutachten notwendig, die mir das Gericht auferlegt hatte, sowie eine Gerichtsverhandlung. Die Kosten dafür waren nicht unerheblich und mussten von mir selbst getragen werden. Personen mit geringen finanziellen Mitteln können selbstverständlich Prozesskostenbeihilfe beantragen.

Und dann folgte in diesem Jahr auch noch eine wichtige Operation.

Richtig. Meine geschlechtsangleichende OP habe ich am 22. Juli in München durchführen lassen. Es war eine mehrstündige Operation auf die ich mich riesig gefreut hatte. Im Nachgang muss ich konstatieren, dass es eine wirklich schwere Operation war, die einen fast vierwöchigen Krankenhausaufenthalt und eine längere Arbeitsunfähigkeit nach sich zog. Ein ganz besonderes Dankeschön geht auch an meinen Arbeitgeber Snop Automotive Artern für das mir entgegenbrachte Verständnis und die Unterstützung. Dies ist in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit. Eine schöne aufregende Zeit liegt hinter mir, die ich gerne als meine ganz persönliche Reise bezeichne. Für meine komplette Angleichung habe ich 22 Monate, in denen es viele Höhen und Tiefen gab, gebraucht.

Wie fühlt es sich an, nun eine Frau zu sein?

Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl endlich eins mit sich zu sein. Körper und Seele sind nun vereint. Diese innere Zerrissenheit, die sich wahrscheinlich kein Mensch vorstellen kann, konnte ich endlich ablegen. Und dann noch den Einblick in zwei Geschlechter zu bekommen und sich einen schönen Vornamen selbst aussuchen zu dürfen. Das alles sind wirkliche Geschenke des Lebens, die ich zu würdigen weiß.

Aber Sie müssen trotzdem noch Hormone zu sich nehmen?

Natürlich muss ich auch weiter die gegengeschlechtliche Hormontherapie bis an mein Lebensende durchführen. Ich würde diese als einen wichtigen Baustein auf dem Weg in mein wahres Geschlecht bezeichnen. Sie verändert nicht nur den Körper, sondern auch die Seele und bringt alles ans Licht, was viele Jahre im Verborgenen schlummerte. Die Hormontherapie ist aber kein Wundermittel, wie viele transidente Menschen erwarten, wenn sie sich riesig auf die Einleitung der Therapie freuen. Sie wird bestehende Probleme nicht lösen. Sie kann psychische Erkrankungen nicht heilen. Alle anderen Sachen, die ein Mensch so mit sich rumschleppen kann, seien es finanzielle Schwierigkeiten, Arbeitslosigkeit oder Trennung. Das wird dadurch auf keinen Fall besser. Hier ist jeder Betroffene selbst gefragt, sich damit zu beschäftigen oder sich Hilfe zu holen.

Wer hat Sie auf diesem Weg begleitet, wer gab Ihnen Halt?

Natürlich hat mich meine Familie unterstützt. Auch habe ich neue Kontakte über das Singen im Kirchenchor gefunden. Das Ganze wurde begleitet durch wirklich tolle aufgeschlossene Ärzte und Psychotherapeuten bis hin zur Logopädie. Auch für meine Hausärztin und meine Frauenärztin waren das vollkommen neue Erfahrungen und ein Lernprozess, ein Weg den wir voller Freude gemeinsam gegangen sind und heute noch bestreiten.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihre neue Identität?

Mein Coming-out hat nicht nur mich betroffen. Alle meine Familienmitglieder waren, wenn auch unbewusst, ein Teil dieses Prozesses. Und sei es nur, dass sie dem Getuschel der Arbeitskollegen oder der Mitbürger ausgesetzt waren. Plötzlich standen auch sie im Mittelpunkt und mussten Farbe bekennen. Meine Mutti hatte zunächst auch Angst, ihr Kind zu verlieren. Da halfen nur Reden, gegenseitiges Verständnis und das Zauberwort Liebe.

Haben sich auch bisherige Weggefährten von Ihnen abgewendet?

Es gibt Menschen, die stehen dazu, helfen und unterstützen. Wiederum andere verlassen den gemeinsamen Zug des Lebens. Auch das kann ich jetzt gut nachvollziehen und verstehen. Aber zum Schluss bleiben nur die Menschen, auf die man sich zu hundert Prozent verlassen kann. Diese Klarheit und Gewissheit zu haben, das ist auch etwas wofür ich sehr dankbar bin. Das ist ein Punkt über den man sich im Vorfeld einer beginnenden Transition wirklich im Klaren sein muss. Dazu benötigt es neben Mut und dem unerschütterlichen Willen, diesen Weg zu gehen, auch persönliche Stärke und Rückgrat. Für mich stand dann fest, dass ich zu meiner Transidentität stehe. Ich lebe sie offen und ehrlich aus. Anfeindungen lasse ich nicht an mich heran und setzte mich bei Bedarf konsequent zur Wehr.

Können Sie erklären, was Transidentität bedeutet und woher diese kommt?

Kein Mensch kann etwas für seine Transidentität. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse gehen davon aus, dass hormonelle Einflüsse in der Schwangerschaft dafür verantwortlich sind. In der Zeit, in der im Hypothalamus die Merkmale für die geschlechtliche Identität angelegt werden, kommt es zu hormonellen Einflüssen und die chromosomale Entwicklung geht in die ganz andere Richtung. Deshalb kann man Transidentität auch nicht heilen durch Medikamente, Psychotherapie oder die verbotene Konversionstherapie. Man kann sie nicht wegbrennen oder wegoperieren. Das biologische Geschlecht und das seelische Wunschgeschlecht passen nicht zusammen, sie sind inkongruent. Transsexualität beschreibt die dauerhafte Gewissheit, sich dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht zugehörig zu fühlen.

Und Sie bieten auch Ihre Hilfe an für Menschen mit dem gleichen Schicksal?

Ja, ich bin als Beraterin für Trans- und Intersexualität aktiv. Mir war es von Anfang an wichtig, neben meiner Transition auch mehr über dieses wirklich spezielle Thema zu lernen. Deshalb habe ich nebenberuflich eine Weiterbildung zur Beraterin für Trans- und Intersexualität bei der Deutschen Gesellschaft für Trans-und Intersexualität (dgti) gemacht. Ich unterstütze Menschen mit transidentem Lebensweg oder Familien mit transidenten Kindern und glaube, dass ich mich in der Zwischenzeit zu einer sehr kompetenten Ansprechpartnerin entwickelt habe. Anfragen mit der Bitte um Unterstützung erreichen mich fortlaufend. Auch halte ich mittlerweile Vorträge zu diesen Themen. Das alles mache ich in meiner Freizeit und vollkommen ohne finanzielles Interesse.