Deshalb wurde 1969 die Mühlhäuser Straßenbahn abgeschafft

Mühlhausen  70 Jahre fuhren Straßenbahnen durch die heutige Kreisstadt, bis Ende der 1960er-Jahre der Betrieb eingestellt wurde. Ludwig Pölitz erklärt die Ursachen – Teil 2.

Diese Wagen der Mühlhäuser Straßenbahn standen nach dem Ende des Fahrbetriebs zum Abtransport nach Leipzig bereit. Sie sollten abgewrackt werden. Archiv-

Diese Wagen der Mühlhäuser Straßenbahn standen nach dem Ende des Fahrbetriebs zum Abtransport nach Leipzig bereit. Sie sollten abgewrackt werden. Archiv-

Foto: Hermann Pölitz

Am 26. Juni 1969 wurde der Betrieb der Mühlhäuser Straßenbahn eingestellt. Ab diesem Zeitpunkt übernahmen Busse den Transport der Fahrgäste. Aus meiner Sicht hatte die Einstellung mehrere Gründe:

Der damalige Wilhelm-Pieck-Platz, heute Untermarkt, wurde komplett umgekrempelt, das HOSTAMÜ neu hochgezogen und die in der Straßenmitte liegenden Ausweiche und Haltestelle für eine „großzügige“ breite Straßenführung geopfert. Allerdings sind am Untersteinweg noch 1967-68 komplett neue Schienen eingebaut worden. Diese lagen dann funktionslos bis 1993.

Ferner erreichte der Wagenpark das Ende seiner Nutzungsdauer. Der Unterhaltungsaufwand war nicht mehr zu vertreten für Fahrzeuge, die teilweise vor 1914 schon im Einsatz waren. Man rechnet für eine Straßenbahnzelle etwa 30 Jahre Lebensdauer, für einen Bus 10 bis 15 Jahre.

Kurven in der Altstadt extrem eng

Ein weiterer Grund für das Ende des Straßenbahnbetriebes: Neue Straßenbahnfahrzeuge mit einem derartig geringen, für die Mühlhäuser Kurven geeigneten Achsabstand gab es zum damaligen Zeitpunkt nicht. Die später dafür geeigneten, auch in Erfurt eingesetzten Tatra-Gelenkzüge KT4D aus der Tschechoslowakei wurden in die DDR erst Ende der 70er-Jahre umfassend importiert. Außerdem wurden die in der Mitte der Straßen verlegten Schienen immer mehr zu einem Verkehrshindernis und Sicherheitsrisiko.

Hinzu kommt, dass Ungarn in der Lieferpflicht für Produkte aus der Industrie stand. Ursache war ein nur inoffiziell bekannter Exportüberschuss der DDR nach Ungarn. Es ging hier nicht um Tomaten oder Paprika! Einige Jahre zuvor übernahm Ikarus die Busproduktion im Gebiet des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). Die DDR wurde also verstärkt mit Ikarus-55-Bussen versorgt.

Auch war die Stromversorgung mit 550 Volt Gleichstrom im E-Werk Mühlhausen sehr kritisch, da die bisher verwendeten Quecksilberdampfgleichrichter in Teltow nicht mehr hergestellt wurden und vergleichbare Halbleitergleichrichter zum damaligen Zeitpunkt nur 30 Kilometer westlich bei Siemens oder AEG zu bekommen waren. Das scheiterte, leicht einzusehen, an den nicht ausreichend vorhandenen Devisen.

Erdölkrise gefährdet den Busverkehr

Zudem stand Erdöl vom „Großen Bruder“ Sowjetunion noch ausreichend zur Verfügung und Treibstoff-Sparen hatte noch keine Priorität.

Nach Mühlhausen kam auch für Eisenach 1971 die „Sense“ und dann 1972/73 die Erdölkrise. Die DDR erinnerte sich an Strom aus heimischer Braunkohle, und für den Ausbau der Straßenbahnen wurden die Weichen gestellt, zum Beispiel in der Bezirkshauptstadt Erfurt vom Moskauer Platz zum Wiesenhügel. Die ausgesonderten Wagen standen längere Zeit auf den Gleisen an der Schwanenteich-Allee – aufgereiht wie zu einer Perlenkette.

Zweites Leben als Gartenlauben

Heute wären das fast alles erhaltenswerte Kulturgüter, aber damals noch kein Thema. Anschließend transportierte man die Wagen auf einen Rumpelplatz nach Leipzig, sie sollten als Baubuden dienen, fielen dann aber doch einer „warmen Entsorgung“ zum Opfer. Einige Straßenbahnwagen duckten sich als Gartenlauben und Geräteschuppen ab. In kürzester Zeit sind, fast mit bilderstürmerischem Eifer, alle Reste entsorgt worden. Das Betriebsarchiv lag damals beim VEB Kraftverkehr Mühlhausen und ging den Weg des Altpapiers, was nach der Wende in noch größerem Ausmaße die Archive der ehemaligen DDR-Betriebe fast ausnahmslos traf. Mancher Leitungskader hatte praktischerweise seine Vergangenheit mit eingestampft. Erstaunlicherweise existieren noch einige Wandrosetten der Oberleitung im Stadtgebiet, ein sehr schönes Exemplar am mittleren Steinweg.

Ein noch einigermaßen erhaltenswertes Exemplar von Straßenbahnwagen überlebte und verlebte sein „Gnadenbrot“ im Garten der Familie Seifert – es war natürlich der Wagen 43! Der Wagen hatte über Jahrzehnte seine Planstelle am Puhl (Pool) als historisch wertvolle Umkleidekabine und Laube.

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