Erbstücke von Kriegsinternierten gehen nach Bad Langensalza

Bad Langensalza.  Die Hamburgerin Karin Schramm stiftet Briefe, Fotos, Zeichnungen an den Langensalzaer Verein „Spuren“. Es sind Dokumente kaum bekannter Ereignisse.

Michael Luick-Thrams, Vorsitzender des Geschichtsvereins „Spuren“ (von links) mit Herbert Scherer und Bernd Leber. Herbert Scherer gestaltete eine Schautafel über die Schicksale internierter Deutscher in den USA. Bernd Leber überbrachte die Familienerbstücke von Karin Schramm. 

Michael Luick-Thrams, Vorsitzender des Geschichtsvereins „Spuren“ (von links) mit Herbert Scherer und Bernd Leber. Herbert Scherer gestaltete eine Schautafel über die Schicksale internierter Deutscher in den USA. Bernd Leber überbrachte die Familienerbstücke von Karin Schramm. 

Foto: Friedemann Mertin

„Ich tue das mit traurigem Herzen. Aber lieber gebe ich die Sammlung jetzt ab, als dass sie später im Müll landet“, sagt Karin Schramm. Am Freitag wurde ein von ihr gestiftetes Konvolut aus Briefen, Zeichnungen, Fotos und Gedichten an den Geschichtsverein „Spuren“ übergeben, dessen Sitz in Bad Langensalza ist.

Sammlung soll nach Corona in Bad Langensalza zu sehen sein

Der in den Vereinigten Staaten gegründete Verein unter der Leitung des Historikers Michael Luick-Thrams hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte jener Menschen zu erzählen, die in den 40er-Jahren in den USA in Lagern interniert waren. Als die USA in den Krieg eintraten, wurden auch Tausende Deutsch-Amerikaner hinter Stacheldraht eingesperrt. Die Sorge vor möglichen Nazi-Spionen nahm teils hysterische Züge an. Diese Schicksale sind bis heute wenig bekannt.

Auch die einjährige Karin Harten – später heiratete sie Wilfried Schramm und nahm dessen Namen an – lebte von 1944 bis 1946 mit ihren Eltern Wolfgang und Gertrud Harten sowie ihren zwei Geschwistern im Camp Crystal in Texas. Das Lager mit Tausenden Insassen glich einer kleinen Stadt, inklusive Kindergarten, Schule, Theater, Kino und Schwimmbecken. „Im Vergleich zu den Zuständen in den deutschen Konzentrationslagern war das Leben in dem Camp nicht schlimm. Die Reise dorthin war allerdings nicht human. Meine Mutter bezeichnete es als eine völkerrechtliche Todsünde“, berichtet Karin Schramm.

Denn die Hartens wohnten in Equador und wurden von der Regierung auf Betreiben der USA ausgeliefert. Am 23. Dezember 1943 wurde Wolfgang Harten verhaftet und mitgenommen. Erst im November 1944 war die Familie in Texas wieder vereint. Im Laderaum eines Schiffs fuhr Gertrud mit ihren Kindern hinüber. Die einjährige Karin erkrankte schwer, die Mutter fürchtete um das Leben ihrer Tochter.

Schicksale der Westvertriebenen in Deutschland wenig beachtet

Karin Schramm selbst hat kaum Erinnerungen an das Lagerleben. Doch sie bewahrte jene Dokumente auf, die von der Zeit zeugen. Gertrud Harten hielt ihre Erlebnisse unter anderem in Zeichnungen und einem Gedicht fest. „Meine Mutter musste mit 15 Jahren die Schule verlassen. Sie arbeitete als eine Art Au-Pair-Mädchen bei wohlhabenden Familien in Hamburg. Sie war sehr begabt, wollte Malerin oder Fotografin werden und schrieb ihr Leben lang“, weiß Karin Schramm.

Zur Übergabe in Erfurt konnte Karin Schramm wegen der Pandemie nicht persönlich anreisen. Die 77-Jährige lebt – nach 20 Jahren in Equador – in Hamburg. Übergeben wurden ihre Erbstücke am Freitag von zwei Männern, die ähnliche Familiengeschichten zu erzählen haben.

Herbert Scherer aus Berlin und Bernd Leber aus Hamburg sind Söhne ehemals zivil Internierter. Auch ihre Väter wurden in Texas gefangen gehalten und später im Gefangenenaustausch nach Deutschland gebracht – obwohl sie ihrem einstigen Heimatland den Rücken gekehrt hatten. Herbert Scherers Vater Stephan lebte und arbeitete seit 1936 in Costa Rica. Bernd Lebers Vater Joseph hatte sich schon 1929 in Guatemala niedergelassen.

Sowohl in Amerika wie in Deutschland ist wenig über diese Schicksale bekannt. „Es gab hin und wieder eine amerikanische Zeitung, die sich für die Lager interessierte. Im deutschen Sprachgebrauch bildete sich der Ausdruck Westvertriebene heraus, deren Anteil im Vergleich zu den Millionen Ostvertrieben natürlich verschwindend gering war“, sagte Bernd Leber. Herbert Scherer stimmt zu: „Es ist eine Art Randglosse in der Weltgeschichte.“

Sobald die Pandemie überstanden ist, soll die Sammlung in Bad Langensalza zu sehen sein.