Hälfte der Bundestags-Direktkandidaten im Unstrut-Hainich- und Wartburgkreis hat Ost-West-Geschichte

Klaus Wuggazer
| Lesedauer: 4 Minuten
Die Werbung um Wähler prägt zur Zeit manche Straße wie hier in Ammern. Neben den Spitzenkandidaten und politischen Aussagen der Parteien laden auch die zwölf Direktkandidaten im Wahlkreis 190 zum Vergleich.

Die Werbung um Wähler prägt zur Zeit manche Straße wie hier in Ammern. Neben den Spitzenkandidaten und politischen Aussagen der Parteien laden auch die zwölf Direktkandidaten im Wahlkreis 190 zum Vergleich.

Foto: Daniel Volkmann

Unstrut-Hainich-Kreis.  Die Herkunft der Direktkandidatinnen und -kandidaten im Wahlkreis 190 (Unstrut-Hainich- und Wartburgkreis) zeigt, wie das Land zusammenwächst.

Groß wie nie ist die Vielfalt der Bewerberinnen und Bewerber für das Bundestags-Direktmandat im Wahlkreis 190, nicht nur mit Blick auf ihr Alter ihre Berufe oder ihre politischen Ziele. Ihre Biographien offenbaren auch, wie Deutschland zusammengewachsen ist: Sechs der zwölf Politiker haben eine meist lange Ost-West-Geschichte. Und einer einen Migrationshintergrund.

Martina Renner ist eine der bekanntesten Vertreterinnen der Thüringer Linken. Seit 2002 lebt die gebürtige Mainzerin im Freistaat. Ähnlich ist es bei Peter Schneider (ÖDP). Er stammt aus Nordrhein-Westfalen und kam vor 21 Jahren beruflich nach Thüringen, pendelte zwischenzeitlich nach Baden-Württemberg, lebte aber durchgehend in Volkenroda. Noch länger ist die Ost-West-Biographie von Andreas Wolfschlag (die Basis), der seit Anfang der 90-er Jahre in Südthüringen lebt. Er habe damit fast genau die Hälfte seines Lebens je in Hessen und in Thüringen verbracht, sagt er.

Das toppt, rein mathematisch gesehen, Leon Bender (FDP): Er zog als Kleinkind mit seiner Familie aus Nordrhein-Westfalen nach Bad Salzungen und hat damit trotz seiner erst 18 Jahre fast sein ganzes Leben in Ostdeutschland verbracht. Justus Heuer (Grüne) stammt aus Erlangen und kam zum Studium nach Jena, wo er seit 2018 lebt. Lea Weinmann (MLPD) wurde 1982 in Baden-Württemberg geboren. 2014 zog sie nach Eisenach.

Gebürtige Thüringer sind sogar nur zwei der Kandidaten: Klaus Stöber (AfD), der in Eisenach und Christian Hirte (CDU), der in Bad Salzungen zur Welt kam. Andreas Böhme (FW) ist in Wippra (Sachsen-Anhalt) geboren und wuchs im Mansfelder Land auf, bevor er als junger Erwachsener in die Wartburgregion wechselte. Tina Rudolph (SPD), nach der Wende geboren, stammt aus Wolgast (Mecklenburg-Vorpommern) und kam 2010 zum Studium nach Jena, wo sie heute lebt.

Der einzige Direktbewerber mit Migrationshintergrund ist im Wahlkreis Wladislaw Schel (LKR). Er wurde in Kemerovo in der Russischen Föderation geboren und kam 2006 nach Deutschland, wo er in Kaltennordheim und Bad Salzungen – seinem heutigen Wohnort – die Schule besuchte. Stephan Hinze (Die Partei) machte als Einziger der zwölf Bewerber keine Angabe zu seiner Herkunft und seinen Lebensstationen.

Fast alle Direktkandidaten stehen auch auf der Landesliste ihrer Partei

Ein weiterer Aspekt ist beim Vergleich der Kandidaten die Frage, ob sie auch auf der Landesliste ihrer Partei stehen. Sie ist wichtig, wenn eine Partei mit mehr als fünf Prozent der Zweitstimmen in den Bundestag einzieht, ihre anteiligen Plätze aber nicht mit direkt gewählten Bewerbern füllt. Christian Hirte steht bei der CDU auf Platz 1, könnte also unter Umständen auch bei einer Niederlage im Wahlkreis erneut in den Bundestag kommen – je nachdem wie die CDU im Land insgesamt abschneidet. Martina Renner steht bei den Linken auf Listenplatz 3. Genau so viele Abgeordnete aus Thüringen hat die Partei zur Zeit in Berlin. Sie hätte also, bei einem vergleichbaren Ergebnis wie 2017, die Chance, ihren Bundestagssitz zu behalten, auch ohne das Direktmandat. Tina Rudolph steht bei der SPD dagegen auf Listenplatz 4. Derzeit gibt es aber nur drei Thüringer SPD-Bundestagsmitglieder. Eine Chance über die Liste hätte sie also nur, wenn die SPD ihr Ergebnis im Land verbessert.

Mit Listenplatz 4 hat Justus Heuer bei den Grünen kaum eine Chance, per Zweitstimme in den Bundestag zu kommen. Das Thüringer Ergebnis reichte bisher nur für eine Abgeordnete. Weitere Direktkandidaten stehen auf Landeslisten ihrer Partei, die aber zuvor die Fünf-Prozent-Hürde meistern müssten: FW - Andreas Böhme (Platz 1); ÖDP – Peter Schneider (1); MLPD – Lea Weinmann (2); Die Partei – Stephan Hinze (6). Die Bewerber der AfD, FDP und der Basis haben keinen Listenplatz.

Lesen Sie hier mehr Beiträge aus: Bad Langensalza.