Meine Wende (47): Ulrich Klösser rettete Familienunternehmen

Ich erinnere mich genau: Verrostete Bagger. Öl, das sich in kleinen Seen sammelt. Kräne, Türen, alles in einer anderen Farbe gestrichen und heruntergekommen.

Ulrich Klösser setzte nach der Wende alles daran, das Travertinwerk in Bad Langensalza wieder in Familienbesitz zu bringen. Sein Urgroßvater Karl Teich hatte es 1907 gegründet. Foto: Susann Fromm

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Aber das Schlimmste: Überall Betonwerkstein, kaum Naturstein. Dieses Bild bot sich, als ich am 29. Dezember 1989 am Zaun des Unternehmens stand, das mein Urgroßvater 1907 mit dem Kauf eines Steinbruchs aus der Taufe hob.

Ein Familienunternehmen gibt man nicht auf. Deshalb war ich mit Sabine, meiner Frau, nach Langensalza gefahren. Unser Porsche wurde an jeder Kreuzung beäugt. Weil wir nicht wussten, wo sich die Firma befindet, wählten wir den Bahnhof als Ausgangspunkt. Dort haben wir die Travertinstraße entdeckt und ich sagte: "Wo, wenn nicht dort, ist das Unternehmen?" Und tatsächlich, doch es waren gerade Weihnachtsferien. Der Betrieb war geschlossen, nur der Pförtner saß da. Er ließ mich auf den Hof und es war erschreckend.

Ich denke, die Wende war eine der glücklichen Fügungen für Deutschland. Sie ist eine Erfolgsgeschichte für den Staat und für jeden Einzelnen. Für uns im Westen war immer klar, dass die DDR irgendwann nicht mehr kann, weil sie wirtschaftlich am Boden war. Aber es hätte auch alles in einem Blutbad enden können.

Für mich kam die Wende zu einem idealen Zeitpunkt. Ich war 38 Jahre alt und hatte genug Lebenserfahrung, um in Bad Langensalza das Erbe meines Urgroßvaters anzutreten, der 1953 enteignet worden war. Und genug Berufserfahrung. Ich kannte das Geschäft, weil ich Betriebswirtschaft studierte und parallel praktische Erfahrungen sammelte.

Zu meinen schönsten Erinnerungen zählen übrigens die Spaziergänge mit meinem Großvater durch die Steinbrüche. Diese haben noch heute einen unglaublichen Wert für mich.

Die Reprivatisierung war dann mühsam, zermürbend und dauerte fast zwei Jahre. Und es war Glück, dass Erhard Stiefel bei einer Versammlung in der Wendezeit zum Betriebsleiter gewählt worden war. Er bewahrte das Travertinwerk in Langensalza vor der Schließung, indem er für die Loslösung vom VEB Elbenaturstein Dresden sorgte. Stiefel war zur gleichen Zeit, als ich 1989 in Langensalza war, in unserem Werk in Würzburg. Im Januar 1990 traf ich ihn dann im bayrischen Kelheim, wo ich damals Geschäftsführer der Natursteingruppe Kiefer-Reul-Teich von Heidelberger Zement war. Ich erinnere mich, wie Stiefel staunte, als er in meinem Büro an der Wand ein gemaltes Bild des Travertinwerks Langensalza entdeckte. Er ging hin, um sich zu überzeugen, dass es nicht ex-tra für ihn dort aufgehängt war. Als er einen Rand fand, den der Rahmen hinterlassen hatte, war er beruhigt. Gemeinsam haben wir 1990 eine Überlebensstrategie für das Werk in Langensalza entworfen.

Ich habe gehofft, dass die Entwicklung schneller geht. Aber es gab einen enormen Rückstand in der Infrastruktur, sogar bei Elektro- und Wasserleitungen. Ich habe trotzdem an eine Entwicklung geglaubt. Als Kind habe ich im ärmlichen Bayern die Nachkriegsjahre erlebt. Aus Drei-Mann-Firmen wurden Betriebe, die 300 Mitarbeiter beschäftigen konnten. Universitäten wurden gegründet, die Flugzeug- und Ölindustrie entstand und viel mehr.

Was wir bei der Traco nach der Wende im Kleinen erlebt haben, gab es in Deutschland nach der Wende im Großen. Ich halte den Einigungsvertrag für ein Wunderwerk. Dass dieser in nur wenigen Monaten entstand, ist eine unglaubliche Leistung.

Doch ich denke, es ist zu wenig zurückgegeben, reprivatisiert worden. Ich bin sicher, es hätte anderenfalls einen schnelleren Aufschwung gegeben. Vor allem in den kleinen Unternehmen wäre sofort etwas passiert. Es gab dadurch viel Verdruss. Viele, die ihr Eigentum nicht zurückbekamen, haben es als zweite Enteignung empfunden.

Als das Werk Langensalza wieder in Familienbesitz kam, war die Zukunft besiegelt. Wir mussten aber aus marktwirtschaftlichen Gründen auf 200 der 320 Mitarbeiter verzichten. Einige gingen in Altersteilzeit, andere wurden in die vier gegründeten Firmen ausgelagert. Dass nur 20 Menschen entlassen werden mussten, war für uns eine enorme Leistung.

1992 zog ich mit der Familie nach Langensalza. Ich wollte kein Di.-Mi.-Do.-Mensch sein. Also einer, der nur dienstags, mittwochs und donnerstags in der Firma ist. Meine Frau, die Kinder und ich haben eine Heimat verlassen und eine andere hier gefunden. Das wunderschöne Land hat uns mit vielem versöhnt. Und außerdem leben wir in der Mitte Deutschlands und damit außerordentlich zentral.

Auch ist das heutige Bad Langensalza eine Besonderheit. Es hat sich um den außergewöhnlichen Bürgermeister eine Mannschaft entwickelt, welche die Stadt nach vorn bringt. Dass die Stadt unseren Traco-Park zu den Themengärten zählt, ehrt das Unternehmen sehr. Mit dem Traco-Park wollte unsere Firma das Maximum zum Kurparkstatus beitragen. Denn wir konnten das Unternehmen schlecht aus der zentralen Stadtlage verlegen.

Zusammen mit Erhard Stiefel, der Ende des Jahres in Rente geht, führe ich jetzt in vierter Generation den Familienbetrieb. Es wäre schön, wenn eine meiner Töchter das Unternehmen weiterführt. Kristina ist 20 und Eva-Carlotte erst 19 Jahre alt, das ist zu früh, um etwas sagen zu können. Auch sollte ihre Entscheidung, nach entsprechender Qualifizierung, von innen kommen. Ich mache keinen Druck, denn ein Unternehmen zu führen, ist kein Acht-Stunden-Job und selbst zu Hause sind die Gedanken oft bei der Arbeit.

Dass ich für das Familienunternehmen gekämpft habe, war richtig. Inzwischen gibt es auch Mitarbeiter, die in dritter Generation hier arbeiten. Das finde ich beachtlich für unser Travertinwerk, das auf eine 104-jährige Geschichte zurückblickt.

Aufgeschrieben von Sabine Spitzer

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