Mühlhausen: Demos im Jahr 1989

Mühlhausen  30 Jahre Wende Die Leipziger Montagsdemos stehen in den Geschichtsbüchern. Aber auch in Mühlhausen regte sich im Herbst 1989 organisierter Widerstand

Falk Walther (76) an der Pforte der Martinikirche als dem Zentrum der Friedensgebete im Herbst 1989 in Mühlhausen.

Falk Walther (76) an der Pforte der Martinikirche als dem Zentrum der Friedensgebete im Herbst 1989 in Mühlhausen.

Foto: Reiner Schmalzl

„Die aktuell-politische Situation erfüllt uns mit Betroffenheit, Besorgnis und Angst. Die hier Unterzeichnenden gerieten darüber in eine spontane Diskussion und werden diese auch weiterführen. Wir laden die verantwortlichen Vertreter der Parteien und Massenorganisationen ein. Unser nächstes Treffen findet am 9. Oktober 1989 um 20 Uhr im Klubraum der Verwaltung des BFK statt.“

Diese von insgesamt 57 Ärzten und Mitarbeitern des ehemaligen Bezirksfachkrankenhauses (BFK) Pfafferode unterschriebene Einladung erging am 2. Oktober 1989 an die Öffentlichkeit und versetzte die damals Noch-Regierenden in Mühlhausen in eine Schockstarre.

Die auf Dialogbemühungen gerichteten Argumente ließen für die Gegenseite nur staatsfeindliche Aktivitäten erkennen, erinnert Falk Walther, der sich mit an die Spitze der Oppositionsbewegung des Bezirksfachkrankenhauses gestellt hatte. „Alles, was vor dem 7. Oktober in Gang kam, war kreuzgefährlich und kriminalisiert dargestellt“, blickt er auf die friedliche Revolution vor 30 Jahren zurück.

Und was einer breiten Öffentlichkeit womöglich gar nicht so bewusst scheint, ist die Tatsache, dass die Opposition in Mühlhausen relativ frühzeitig aktiv geworden ist. Unabhängig voneinander gingen in der Stadt drei Impulse für das Aufbegehren nach Demokratie und Freiheit aus, betont Walther.

So nahmen Brigitte und Siegfried Pietsch am 24. September 1989 an einem Treffen oppositioneller Gruppen in der Leipziger Markuskirche teil und hatten dort sowie später auch in Erfurt Kontakte zum Neuen Forum aufgenommen. Während sich also Widerstand und Opposition im Krankenhaus in Pfafferode formierten, hatte Matthias Fischer wiederum im VEB Mikroelektronik Impulse gesetzt.

Unter dem Dach der Kirche und in Familienkreisen regte sich schon lange Zeit Widerstand gegenüber den Verhältnissen in der DDR. Der Anstoß zu den Zusammenkünften und Friedensgebeten in der Martinikirche und später auch in der katholischen St.-Josefs-Kirche sei laut Pfarrerin Isgard Weigel zunächst von den Basischristen gekommen.

„Sie waren durch jahrelange Kleinarbeit in den kirchlichen Friedens- und Umweltgruppen sensibilisiert. Sie konnten einfach die Missstände im Lande, ja in jedem Betrieb, nicht mehr länger ertragen. Sie standen auf aus dem Grabe der Resignation und des Schweigens und vereinten sich mit anderen Menschen guten Willens, die sich schnell überall fanden.“

Dies hielt Pfarrerin Weigel 1992 in dem von den damaligen Studenten Josef Lütke Aldenhövel, Heinz Mestrup und Dietmar Remy aus Münster verfassten Band „Mühlhausen 1989/1990 - Die Wende in einer thüringischen Kreisstadt“ fest. Beim „Gebet für unser Land“ in der überfüllten Martinikirche sangen die Menschen das auf gelben Handzetteln gedruckte Lied „Herr, lass deine Wahrheit“. Es ging als das „Gelbe Lied“ in die Geschichte der Mühlhäuser Wendebewegung ein.

Die größte freiwillige Demonstration, die es in Mühlhausen je gegeben hatte, fand dann nach der zweiten Dialogveranstaltung in der Marienkirche am 4. November 1989 mit mehr als 5000 Menschen statt. „Die DDR konnte durch ein multifaktorielles Bedingungsgefüge untergehen. Die Hauptakteure waren dabei viele mutige und besonnene Bürger, die etwas Einmaliges in der Geschichte unseres Vaterlandes bewirken konnten: eine Friedliche Revolution“, fasst Falk Walther zusammen.

Während die Menschen damals euphorisch gewesen seien und optimistisch in die Zukunft geblickt hätten, mache sich heute trotz des allgemeinen Wohlstands immer mehr Pessimismus und Resignation breit.

Zu den Kommentaren