Mühlhausen: Hilfe für aggressive Jugendliche

Pfafferode  Ökumenisches Hainich Klinikum will sich in geschlossener Einrichtung um Jugendliche kümmern, die durch besondere Aggressivität auffallen

Im Mai soll die geschützte Heimeinrichtung für Kinder und Jugendliche eröffnen. Sie wird geleitet von Dagmar Bickel (vorne rechts) – im Bildmit dem verantwortlichen Bauingenieur Ulrich Schröter (vorne links) aus Oberdorla. 

Im Mai soll die geschützte Heimeinrichtung für Kinder und Jugendliche eröffnen. Sie wird geleitet von Dagmar Bickel (vorne rechts) – im Bildmit dem verantwortlichen Bauingenieur Ulrich Schröter (vorne links) aus Oberdorla. 

Foto: Claudia Bachmann

Eine geschützte Einrichtung für pädagogisch schwer erreichbare Kinder und Jugendliche soll im Mai auf dem Gelände des Ökumenischen Hainich-Klinikums (ÖHK) in Pfafferode eröffnet werden.

Fritz Handerer, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am ÖHK, macht deutlich: „Eine geschützte Einrichtung ist eine Form der Erziehungshilfe für wenige begründete Einzelfälle.“ Bundesweit gibt es derzeit in 26 Einrichtungen 325 Plätze, weiß Dagmar Bickel. Sie wird die Einrichtung leiten – die erste dieser Art in Mitteldeutschland.

Bickel arbeitet seit Jahresbeginn beim ÖHK als systemische Familientherapeutin, Sozialpädagogin und bereitet den Aufbau des Hauses vor. Ab Mai sollen dort, nahe der Kegelbahn, 14 junge Leute zwischen 10 und 16 Jahren einziehen, die als „hoch riskant agierend“ gelten. Maximal zwei Jahre sollen sie dort betreut werden, leben in Einzelzimmern in zwei Wohngruppen.

Erste Einrichtung in Mitteldeutschland

Es sind, so Handerer, „Kinder mit extremen Verhaltensauffälligkeiten und oft schon diagnostizierten Störungen, mit gestörtem Bindungsverhalten und unzureichender Absprachefähigkeit. Sie entziehen sich der pädagogischen Einflussnahme und den Angeboten der offenen Jugendhilfe und gefährden sich selbst und andere“.

Wenn sich junge Menschen jeglicher Unterstützung durch Erwachsene – seien es Eltern, Verwandte, Lehrer – entziehen, oder auch den Hilfen durch das Jugendamt ausweichen, dann sei auch keine erzieherische Einflussnahme mehr möglich.

„Unser Konzept basiert auf Grundlage der engen Verzahnung von Pädagogik und Therapie. Der Alltag in der Einrichtung in ÖHK-Trägerschaft ist für Bewohner klar, verlässlich und nachvollziehbar strukturiert“, sagt der ärztliche Direktor. Jeder Bewohner hat einen eigenen Tagesplan, der nach seinen Bedürfnissen erstellt wird. Unterrichtet werden sie in den ersten Wochen in der Einrichtung. Deshalb werden zur Mannschaft zwei Lehrer gehören.

Haben sich die Kinder stabilisiert, sollen sie extern die Schule besuchen. Ziel ist es laut Bickel, sie soweit zu stabilisieren, dass sie in ihre Herkunftsfamilie zurückkehren oder in offenen Jugendhilfeeinrichtungen weiter betreut werden können. Ihren Betreuer sollen sie sich innerhalb der ersten vier Wochen in der geschlossenen Unterkunft aussuchen können. Ziel sei es, Beziehungen aufzubauen.

Bickel weiß: Die geschützte Unterbringung in der Jugendhilfe ist nicht unumstritten. „Das Thema polarisiert. Die einen sagen, Erziehung zur Freiheit in Unfreiheit funktioniere nicht. Andererseits zeigen Erfahrungen und wissenschaftliche Studien, dass in speziellen Ausnahmefällen erst eine feste Grenze wieder Raum für Erziehung und Pädagogik ermöglicht“, sagt die Sozialpädagogin. Die Gegner dieser Unterbringung könnten keine Alternativen bieten.

Eine geschützte oder geschlossene Jugendhilfemaßnahme sei weder Strafe noch U-Haftvermeidung. „Es ist eine Maßnahme der Erziehungshilfe, die die Sorgeberechtigten beim Jugendamt des Landkreises beantragen müssen.“

In der Mühlhäuser Einrichtung, die durch die Nähe zur Klinik punkten will, sollen – neben der Stelle für die Leiterin und den Stellen für zwei über das staatliche Schulamt angestellte Lehrer – 23 Stellen für pädagogische Fachkräfte geschaffen werden. Auch ein Kinder- und Jugendpsychologe wird dort arbeiten. Bewerbungsgespräche laufen. „Wer Herausforderungen sucht und Haltung und Wertschätzung mitbringt, ist in unserem Team richtig“, sagt Bickel. Aber man müsse wissen: „Wir arbeiten hier nicht mit den Wiener Chorknaben.“

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