Nachkomme einer Bad Langensalzaer Unternehmerdynastie

Bad Langensalza.  Wolfgang Graesers Familienname genoss über Jahrhunderte Weltruf und ist eng mit der Geschichte Bad Langensalzas verbunden.

Wolfgang Graeser arbeitete viele Jahre als Arzt in Dortmund, war zuletzt Chefarzt am Bethanien-Krankenhaus. Der 77-Jährige ist Spross der Langensalzaer Familie Graeser.

Wolfgang Graeser arbeitete viele Jahre als Arzt in Dortmund, war zuletzt Chefarzt am Bethanien-Krankenhaus. Der 77-Jährige ist Spross der Langensalzaer Familie Graeser.

Foto: Oliver Schaper

Der Arzt Wolfgang Graeser ist Spross jener Familie Graeser, in deren Webereien im Laufe der Jahrhunderte Tausende Menschen beschäftigt waren.

Erinnerungen an die Fahnerschen Höhen, den Böhmen, die Thiemsburg

Wer den Lindenbühl entlanggeht, sieht auf der einen Seite den mittelalterlichen Wachturm, der auch Graesers Turm genannt wird. Direkt gegenüber verweist ein Steinportal auf den einstigen Standort der Weberei „C. Graesers Witwe & Sohn“, welche nach der Enteignung 1948 und bis zu ihrer Abwicklung in den 1990er-Jahren als Volkseigener Betrieb (VEB) Cottana weiter produzierte.

Zur Zeit der Enteignung seiner Familie wurde Wolfgang Friedemann Hugo Graeser eingeschult. Geboren am 12. September 1943 in Langensalza, verbindet er vor allem Kindheitserinnerungen mit der Stadt, denn 1953 siedelte die Familie nach Bremerhaven um. Heute lebt er in Dortmund.

„Meine persönliche Bindung zu Langensalza ist sehr emotional. Gute alte Freundschaften, eine enge Beziehung zu meiner ersten Lehrerin Frau Gothe bis zu ihrem Tod. Es sind intensive Erinnerungen an bestimmte Orte. Die jährlichen Kirscheneinkäufe in Fahnern, Pferdeschlitten-Touren mit den Kindern von ‘unseren’ Arbeitern im Advent, Schwimmen gelernt im Freibad am Angelhaken, Ausflüge zum Böhmen, zum Sülzberg, zur Thiemsburg und so weiter“, berichtet er.

Verbindung mit Langensalza begann vor 300 Jahren

Die Verbindung der Graesers mit Bad Langensalza begann einem Bericht des Heimatforschers Holger Schneider zufolge vor mehr als 300 Jahren. Im Jahr 1699 wurde der Familien-Stammhalter Balthasar Graeser aus Gebesee neuer Bürger der Stadt. Er entwickelte die Seidenweberei. Durch ihn und seine neuen Ideen wurden die Stoffe aus Langensalza europaweit bekannt und begehrt. In den folgenden Jahren beherrschten die Langensalzaer Seiden- und Halbseidenstoffe den Weltmarkt. Die Langensalzaer Weber erhielten solch hohe Löhne, wie sie in Thüringen nirgendwo sonst bezahlt wurden.

Das Graesersche Imperium wurde stets von Mitgliedern der Familie geleitet. Später wurden die Betriebsteile aufgespalten. Nach dem Tod Carl Graesers bestand seine Witwe Dorothea auf der Teilung des Besitzes. Sie erhielt den Anteil in der Herrenstraße und am Lindenbühl. Am 1. Juni 1807 benutzte sie zum ersten Mal ihre neue Geschäftsbezeichnung „C. Graesers Witwe & Sohn“.

Im Jahr 1907 wurde das 100-jährige Bestehen dieser Firma gefeiert. Dabei wurde das Versprechen gegeben, den Langensalzaer Bauverein Eintracht zu bilden und Betriebswohnungen zu bauen. Die Gebäude in der August-Bebel-Straße werden im Volksmund bis heute als Graesersche Siedlung bezeichnet.

Eigentlich wollte Wolfgang Graesers Großvater die Firma weiter im Familienbesitz halten. Wolfgang Graeser schildert dies so: „Mein Vater, der ältere Sohn, machte eine kaufmännische Lehre in Hamburg, ging dann für eine Zeit nach Südafrika und danach für zwei Jahre nach Japan. Als er zurückkam, eröffnete er seinem Vater, dass er sich nicht zum Kaufmann eigne und Medizin studieren wolle. Das tat er dann auch. Der zweite Sohn, Joachim, studierte Jura und lehnte eine Übernahme in die Firma strikt ab. Er war auch eine kürzere Zeit als Assessor am Amtsgericht Langensalza tätig und beendete seine Karriere als Leitender Jurist am Verwaltungsgericht in Berlin, wo er dem Zweiten Senat vorstand. Somit musste mein Großvater eine andere Lösung finden, denn die drei Töchter hatten alle kein Interesse.“

Übernahme der Cottana-Weberei nach der Wende war keine Option

Wolfgang Graeser selbst machte sein Abitur in Sankt-Peter-Ording und studierte Medizin. Er begann als Assistenzarzt, wurde Facharzt und war von 1971 bis zu seiner Verabschiedung 2008 Chefarzt am Bethanien-Krankenhaus in Dortmund. Zudem war er leitender Notarzt in Dortmund-Süd.

Dass er nach dem Ende der Cottana die Weberei wieder hätte übernehmen können, sei ausgeschlossen gewesen, auch wenn es eine Anfrage tatsächlich gegeben habe. „Zu der Zeit war ich schon Chefarzt und weit entfernt von jeglicher fachlicher Kompetenz diesbezüglich“, so Wolfgang Graeser.

Bis heute hält er Verbindung nach Bad Langensalza, besuchte die Stadt zuletzt im Oktober, wohnte bei Familie Kühmstedt in der Mauergasse. Die Häuser Mauergasse 1 und 2, neben dem Butterturm, waren einst im Familienbesitz. Gemeinsam mit seinem Cousin habe er sich nach der Wende bei der Instandsetzung einbringen wollen. Doch von Seiten der Stadt habe es Gegenwind gegeben. Also stießen sie die Gebäude für einen symbolischen Preis ab. „Ich bin aber jetzt glücklich darüber, was aus der Mauergasse geworden ist und der Familie Kühmstedt besonders dankbar, mit so viel Traditionsbewusstsein und Geschmack etwas aus den Ruinen gemacht zu haben“, so Wolfgang Graeser.