Pfarrerin Annemarie Sommer predigt in Kirchheilingen nicht nur am Altar

Kirchheilingen  Im Interview anlässlich ihrer Amtseinführung spricht die Kirchheilingerin über den Glauben, Frauenquoten und Gottesdienste mit Strohballen.

Der Talar über dem Arm, der Kirchenschlüssel in der Hand, im Hintergrund Sankt Bonifatius. Annemarie Sommer ist in Kirchheilingen angekommen und nun auch offiziell Pfarrerin des Pfarrbereichs.

Der Talar über dem Arm, der Kirchenschlüssel in der Hand, im Hintergrund Sankt Bonifatius. Annemarie Sommer ist in Kirchheilingen angekommen und nun auch offiziell Pfarrerin des Pfarrbereichs.

Foto: Daniel Volkmann

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Annemarie Sommer wird am Sonntag offiziell in die Pfarrstelle Kirchheilingen eingeführt. Damit ist ihre Probezeit beendet. Als Pfarrerin arbeitet sie in den Gemeinden Blankenburg, Bothenheilingen, Großwelsbach, Issersheilingen, Kirchheilingen, Kleinwelsbach, Neunheilingen, Sundhausen.

Ihr Pfarrbereich heißt Kirchheilingen. Wie viel Heil kann die Kirche heute geben?

Das Heilingen im Ortsnamen kommt von heilig, weil Kirchheilingen reich an Kirchen war. Es hat mit dem Heil erstmal nichts zu tun, auch wenn es der gleiche Wortstamm ist.

Wieder was gelernt.

Ich glaube, dass die Kirche heute mehr Heil denn je geben kann. Mir gibt Glaube unheimlich viel Kraft, um mein Leben zu gestalten. Er eröffnet eine Perspektive auf die Welt und die Menschen, ist eine Konstante. Wenn wir Heil verstehen als ganz sein, vollständig sein, dafür brauche ich meinen Glauben. Die moderne Welt öffnet sich immer mehr, wirft Fragen, Möglichkeiten und Unsicherheiten auf. Ich nehme eine Sehnsucht der Menschen nach festen Orientierungspunkten war.

Das kann die Kirche mit ihren Ritualen geben?

Was ist denn Kirche? Es sollte unterschieden werden zwischen der Kirche als Institution und der Gemeinschaft der Menschen. Mir ist wichtig, dass Kirche nicht „die da oben“ sind. Kirche ist jeder Mensch, der sich zu Jesus Christus bekennt. Die Frage, was die Kirche geben kann, ist aus meiner Sicht falsch gestellt. Es sollte gefragt werden, was mir der Glaube an Gott geben kann. Dass sich die Gläubigen als mündige Christen mit Verantwortung für die Kirche begreifen, ist ein Prozess, der sicherlich seit der Reformation andauert.

Was bedeutet es, Pfarrerin zu sein?

Ich scherze manchmal, dass ich Managerin eines mittelständischen Klein-Unternehmens bin, mit Verwaltung, Baubetreuung und Organisation. Pfarrerin sein heißt, sich mit Menschen gemeinsam auf die Suche zu machen nach ihrer Sehnsucht auf ein erfülltes Leben. Wie vor 500 Jahren auch. Ich motiviere Menschen, sich Fragen zu stellen. Was brauche ich in meinem Leben? Was ist wirklich wichtig? Welche Rolle spielt der Glaube dabei? Was brauche ich, um diesen Glauben am Leben zu halten?

Braucht es mehr Frauen in der Kirche?

Dazu kann ich nicht Ja oder Nein sagen. Es braucht grundsätzlich mehr Menschen, die sich mit Herzblut engagieren, egal ob Frau oder Mann. Die Frage nach einer Frauenquote sollte sich eigentlich gar nicht stellen.

Fakt ist, dass es mehr Pfarrer als Pfarrerinnen gibt.

Ich weiß. In meiner Familie selbst gibt es Pfarrerinnen, die zu dieser Generation gehören, in der die Frauenordination überhaupt erst möglich wurde. Mein Anspruch ist, dass sich diese Frage nicht stellt. Eine Quote kann nicht die Lösung sein. Es braucht ein generelles Umdenken und eine Entwicklung im gesellschaftlichen Denken.

Sollten sich Pfarrerinnen aus der Politik raushalten?

Nein. Ich gebe keine Wahlempfehlungen und bin vorbehaltlos für alle Menschen da, egal welche Ansichten sie haben. Aber ich verkünde die christliche Botschaft, beziehe also Position. Wenn sich das mit Parteiprogrammen beißt, dann ist das so.

Welche Herausforderungen hat die Arbeit auf dem Land?

Es sind acht Gemeinden, die 2016, als ich die Stelle antrat, gerade neu zusammengewürfelt worden sind. Diese Umstrukturierung hat bei den Menschen auch für Unsicherheit, Trauer und Abwehr gesorgt. Meine Aufgabe ist es, Mut zu machen, Kirche aktiv zu gestalten. Pfarrerin sein heißt auch Beziehungsarbeit. Ich muss Kontakte knüpfen und Netzwerke pflegen. Bei acht Gemeinden stoße ich dabei an Grenzen. Das ist ein ständiger Antrieb für mich. Denn ich bin überzeugt, dass die Kirche – und diesmal meine ich alles was dazu gehört – nicht weniger wird, sondern anders. Kirche hat sich immer neu entwickelt und neue Formen angenommen. Aber der christliche Glaube steht fest, darauf vertraue ich.

Sie könnten nach der Entsendezeit woanders arbeiten, warum also Kirchheilingen?

Meine Familie und ich wurden hier sehr herzlich und offen aufgenommen und in die Dorfgemeinschaft integriert. Ich liebe die Nachbarschaft. Ich komme selbst vom Land, habe mir eine Zeit lang in der Stadt die Hörner abgestoßen bis mir klar wurde, dass ich aufs Dorf gehöre. Ich brauche Kühe um mich herum.

Welcher Teil der Arbeit macht Ihnen am meisten Spaß?

Ich liebe an meinem Beruf, wie vielen unterschiedlichen Menschen ich begegne. Ich habe vom Kind bis zum Senior die ganze Palette des Lebens vor mir. Ich schätze es sehr, dass ich daran Anteil haben darf.

Und ja: Es macht mir auch Spaß, auf Baustellen zu kraxeln und zu sehen, was neu entsteht.

Was würden Sie machen, wenn Sie keine Pfarrerin wären?

Plan A war Journalismus. Ich habe als Fernseh-Redakteurin gearbeitet. Mir wurde klar, dass der Beruf nicht meiner Vorstellung entspricht und dass es mir wichtiger ist, den Menschen von Gott zu erzählen als Schlagzeilen zu verkaufen.

Gibt es eine Kirche in der Sie gerne predigen würden?

Nein. Ich mag meine Dorfkirchen. Ob Kölner Dom oder Sankt Bonifatius in Kirchheilingen – Kanzel ist Kanzel.

Schön finde ich untypische Orte für Predigten. Beim Schleppertreffen mit Strohballen als Altar und einem Holzkreuz aus Birke.

Was ist Ihre liebste Bibelstelle?

Römer 8.38, mein Trauspruch. „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

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