Sinti und Roma, Homosexuelle, Deserteure – Forschung zu weiteren Opfergruppen

Mühlhausen  Im kommenden Jahr sollen in Mühlhausen weitere Stolpersteine verlegt werden. Bisher gibt es 64 solcher Gedenksteine aus Messing für Opfer der Nazi-Diktatur.

Teja Begrich (Mitte) beim Gedenken am 12. Oktober 2019 vor der Synagoge in Mühlhausen. Drei Tage zuvor war die Synagoge in Halle/Saale das Ziel eines antisemitischen Anschlags. Zwei Passanten starben durch die Schüsse eines 27-Jährigen. 

Teja Begrich (Mitte) beim Gedenken am 12. Oktober 2019 vor der Synagoge in Mühlhausen. Drei Tage zuvor war die Synagoge in Halle/Saale das Ziel eines antisemitischen Anschlags. Zwei Passanten starben durch die Schüsse eines 27-Jährigen. 

Foto: Claudia Bachmann

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Seit zehn Jahren wird in Mühlhausen der jüdischen Opfer der Naziverbrecher gedacht. 2009 begannen die Überlegungen dazu, im Mai des darauf folgenden Jahres wurden die erste Steine gesetzt.

Mittlerweile sind es 64 Stolpersteine auf den Fußwegen in nahezu dem gesamten Stadtgebiet. Inzwischen gehen die Forschungen der Mühlhäuser Arbeitsgruppe über die jüdischen Opfer hinaus. Zwar sind nach Aussage von Pfarrer Teja Begrich – er ist Beauftragter für den christlich-jüdischen Dialog in Thüringen – 50 der Stolpersteine den jüdischen Opfern gewidmet, aber auch sechs den Opfern aus den Reihen der Kommunisten, sieben den Euthanasie-Opfern, ein Stolperstein einem Christ.

Im kommenden Jahr sollen die nächsten Gedenksteine gesetzt werden. Erneut wird sie der Kölner Bildhauer Günter Demnig in die Fußwege einfügen, der 1992 die Aktion begann.

Lesung mit David Begrich bringt 550 Euro

Seit 2016 existiert in Mühlhausen eine Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine. Diese verrichtet vorwiegend Archivarbeit, forscht nach dem letzten freiwillig gewählten Wohnort der später Deportierten – Recherchen führen bis ins Bundesarchiv nach Berlin. Dort wurde man vor allem bei der Suche nach den Euthanasie-Opfern fündig.

Geht es nach Pfarrer Begrich, wird man sich in der nächsten Zeit auch mit weiteren Opfergruppen befassen. Dem Pfarrer der Gemeinde Nicolai/Divi Blasii geht es dabei unter anderem auch um Sinti und Roma, um Homosexuelle und um Deserteure. „Doch dazu braucht es das Wissen der Mühlhäuser, denn wir bewegen uns im Bereich der ‚oral history‘, der gesprochenen Geschichte“, sagt er und weiß, dass die Schnittmenge zwischen dem, was sich 1933 bis 1945 tatsächlich ereignet und dem, was im Gedächtnis haften blieb, zuweilen eine sehr geringe sein kann.

Zehn bis zwölf Steine sollen 2020 verlegt werden. Ein Grundstock der Finanzierung kam durch die Lesung des Rechtsextremismus-Experten David Begrich im September in Mühlhausen – im Übrigen ein Cousin des Pfarrers – zusammen: 550 Euro. Pro Stein sind 120 Euro zu zahlen. Das ist etwas mehr als in der Vergangenheit. „Ein Gericht hat entschieden, dass es sich bei den Stolpersteinen nicht um Kunst handelt. Somit wird eine höhere Mehrwertsteuer fällig“, begründet Beg­rich. Das Geld zusammenzubekommen, das sei in der Vergangenheit nie ein Problem gewesen. „Die Stolpersteinaktion ist in Mühlhausen akzeptiert“, sagt Teja Begrich und weiß auch vom Interesse junger Leute zu erzählen, die zu diesem Thema kurz vor dem Abitur ihre Seminarfacharbeit schreiben. „Über die individuelle Berührung entwickelt sich eine andere Beziehungsebene.“

Dennoch brauche es beides – das individualisierte und auch das institutionalisierte Erinnern am 9. November um 18 Uhr, dem Gedenktag an die Pogromnacht, und am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Am Montag kommender Woche will Begrich mit jungen Konfirmanden durch die Stadt ziehen und Stolpersteine säubern, wie bereits im vorigen Jahr. Tradition hat auch das Reinigen des jüdischen Friedhofs (4. November, 14.30 Uhr) in den Tagen vor dem Pogromgedenken.

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