Waldbesitzer im Katastrophenmodus

Landkreis  In diesem Jahr werden im Bereich des Forstamtes Hainich-Werratal 150.000 Festmeter Holz geerntet – doppelt so viel wie in den vergangenen Jahren.

Dirk Fritzlar vom Forstamt Hainich-Werratal (links) und Marcus Kollascheck, Geschäftsführer der forstwirtschaftlichen Vereinigung Nordthüringen, sehen die Waldbesitzer vor großen Verlusten angesichts der Trockenheit, die auch die Buchen befällt, und der Borkenkäferattacken auf die Fichte.  

Dirk Fritzlar vom Forstamt Hainich-Werratal (links) und Marcus Kollascheck, Geschäftsführer der forstwirtschaftlichen Vereinigung Nordthüringen, sehen die Waldbesitzer vor großen Verlusten angesichts der Trockenheit, die auch die Buchen befällt, und der Borkenkäferattacken auf die Fichte.  

Foto: Claudia Bachmann

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„Wir befinden uns im Katastrophenmodus.“ Marcus Kollascheck aus Kammerforst ist der Geschäftsführer der forstwirtschaftlichen Vereinigung Nordthüringen und betreut 9500 Hektar Mitgliedsfläche von großen Laubgenossenschaften, privaten Waldbesitzern und Kommunen. Seit Anfang 2018 habe er vier Millionen Euro für die Eigentümer erlöst. Doch inzwischen befinde man sich im Katstrophenmodus. Holz ist in seiner aktuellen Qualität und Masse schwer zu verkaufen.

Wir stehen am Dachskopf in der Nähe von Langula. Abgestorbene Fichten, Buchen, die nur kleine Blätter tragen oder den Kampf gegen die Trockenheit der vergangenen zwei Jahre bereits ganz verloren haben.

„Wir hatten einen Vorzeige-Plenterwald“, sagt Dirk Fritzlar. Der Kammerforster leitet das Forstamt Hainich-Werratal, das auch die größten Teile des Waldes im Unstrut-Hainich-, aber auch im Wartburgkreis verwaltet. Ein Plenterwald ist gekennzeichnet durch Bäume unterschiedlichen Alters in unmittelbarer Nachbarschaft. „Etwa 150 Jahre wurde die Waldwirtschaft auf diese Weise betrieben. Jetzt verlieren wir den Plenterwald für die nächsten 100 Jahre.“

Den Schaden, den der Borkenkäfer in den Fichten anrichtet, könnten die Waldbesitzer kompensieren. Nur etwa jeder zehnte Baum in einem Forstbetrieb sei eine Fichte. Schwerer wiegen die Schäden an den Buchen. Kollascheck nimmt eine kleine Axt und schlägt ein Stück der Rinde ab. An einem gesunden Baum hätte der Bereich unter der Rinde eine grüne Farbe, in diesem Fall kommt Schwarz zum Vorschein, abgestorbenes Gewebe. Nebenan befindet sich ein Holzlagerplatz. Etwa 80 Prozent der gefällten Buchen weisen Schäden auf, sagt Kollascheck und zeigt auf die dunklen Verfärbungen im Holz. Jede sechste alte Buche im Bereich des Forstamts ist krank. Möbel lassen sich daraus nicht mehr herstellen. Das Holz wird wohl als Industrieholz verkauft werden, für die Herstellung von Holzschliff und Zellstoff als Grundstoffe für Papier, Holzwolle sowie für die Produktion von Span- und Faserplatten. Gut dran ist jener forstwirtschaftliche Betrieb, der auf laufende Verträge verweisen kann. Alles, was er darüber hinaus ans Sägewerk liefert, ist für ihn defizitär.

Auch für die vom Borkenkäfer malträtierte Fichte ist der Markt zusammengebrochen. Fritzlar wagt eine extrem klingende Prognose: „In fünf Jahren haben wir in der Region keine einzige Fichte mehr.“ Kollascheck weiß, dass das nicht nur einen anderen Blick auf den Wald bedeutet: „Womit sollen wir dann unsere Häuser bauen? Dafür braucht es Nadelholz.“

In vielen Bereichen seines Forstamts habe man den Kampf um die Fichte schon jetzt verloren, sagt Fritzlar. Die Sägewerke haben die Kapazitätsgrenze längst erreicht. Eine Chance gibt es noch, das Holz außerhalb zu verarbeiten. Doch dafür fehlt in der Region die Logistik, gibt es zu wenige Möglichkeiten, das Holz zu verladen. „Wir fahren hier zu den Bahnhöfen nach Leinefelde, Elxleben, Eisenach. Doch Verladezeiten sind rar.“

Die Holzernte ist schwierig. Die Krone einer vertrockneten Buche kann brechen wie Glas. Eine Erschütterung durch das Fällen eines Baumes in der Nachbarschaft kann die Buche brechen lassen.

In diesem Jahr wurden im Bereich des Forstamtes 90.000 Festmeter geerntet, bis Ende des Jahres werden es nach Aussage von Dirk Fritzlar 150.000 Festmeter sein. „Das ist doppelt so viel wie in anderen Jahren.“ Kollascheck erklärt: „Wir entnehmen aber kein Frischholz.“

Warum manche Buchen mehr unter der Trockenheit leidet als andere am selben Standort, das vermag keiner der beiden Fachleute zu sagen. Sie wissen: Der Wald wird sich verändern. Und er verändert sich bereits: Mannshoch finden sich in einem nahen Bereich, in dem vor Jahren der Sturm gewütet hat, 15 Baumarten. Kollascheck setzt auf die Douglasie. „Sie ist eine Ergänzung, keine Allzweckwaffe, sie schafft pro Jahr einen großen Zuwachs an Festmeter Holz.“

Ein Teil des in der Region geernteten Holzes wird von den Stadtwerken Leipzig zu Wärme verarbeitet. Das bringt auch Fritzlar auf eine Idee: Warum denn nicht das Holz in einem Stahlmeiler zu Holzkohle verarbeiten? Das sei ökologisch und nachhaltig. Und die Thüringer könnten ein stark nachgefragtes Produkt direkt aus der Region kaufen.

Fritzlar hofft auf das versprochene Geld vom Land für die Waldbesitzer, aber: „Uns läuft die Zeit davon.“

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