Wie Menschen in der Hainich-Region den Mauerfall erlebten

Landkreis  30 Jahre Wende: Der 9. November 1989 hat sich Zeitzeugen ins Gedächtnis gebrannt. Unsere Zeitung bittet Menschen um ihre Erinnerungen.

Plötzlich war die Grenze auf. Zumindest theoretisch durften in der Nacht des 9. November alle DDR Bürger ausreisen. Bis der Übergang Katharinenberg öffnete, dauerte es noch ein paar Tage.

Plötzlich war die Grenze auf. Zumindest theoretisch durften in der Nacht des 9. November alle DDR Bürger ausreisen. Bis der Übergang Katharinenberg öffnete, dauerte es noch ein paar Tage.

Foto: Reiner Schmalzl, Daniel Volkmann, Alexander Volkmann

9. November 1989, Pressekonferenz in Ost-Berlin: SED-Funktionär Günther Schabowski spricht über neue Reise-Regeln. Privatreisen ins Ausland könnten ohne Voraussetzungen beantragt werden. Ein Journalist hakt nach: „Ab wann tritt das in Kraft?“ Schabowski, sichtlich überfordert: „Das tritt nach meiner Kenntnis... ab sofort, unverzüglich.“ Es ist ein Satz, der an diesem Donnerstagabend um die Welt geht und den nicht nur viele DDR-Bürger mit einer Mischung und Unglauben und Staunen aufnehmen. Wie haben Menschen aus der Region diese Zeit erlebt?

Endlich ein Walkman

Sabine Ackermann, Angestellte, Grabe: Ich war damals 16 Jahre alt und auf der EOS. Mit meinen Eltern habe ich die Nachrichten im Fernsehen gesehen. Weil mein Vater als Angestellter bei der NVA arbeitete, haben wir uns nicht getraut, gleich in den Westen zu fahren.

Am Freitagmorgen hat dann die halbe Klasse gefehlt. Kurze Zeit später wurde aus dem Geschichtsunterricht die „Geschichte der SED“ verbannt und wir waren wieder bei Ur- und Frühgeschichte, weil die Lehrer nicht wussten, was sie uns beibringen sollten. Wir haben nach dem 9. November eine Woche auf die Genehmigung der Schule gewartet, sind dann nach Fulda gefahren. Ich wollte mir eine Bravo kaufen, die war aber schon ausverkauft. Ein Teil des Begrüßungsgeldes ging für einen Walkman drauf, auf der dann pausenlos Herbert Grönemeyer als Radio-Mitschnitt lief.

Kein Zurück mehr

Falk Walther, Neurologe, Mühlhausen: Es war eine sehr spannungsgeladene Zeit. Ich war Chefarzt der Neurologie in Pfafferode und in der Opposition. Das Ganze stand ziemlich auf der Kippe, weshalb die Nachricht aus dem Fernsehen für alle sehr überraschend kam – für Westdeutsche, für Ostdeutsche, für Grenzer, sogar für die meisten Politiker. Sogar Kollegen aus dem Ausland haben umgehend angerufen. In dieser Nacht habe ich kein Auge zu gemacht. Am Freitag nach dem Dienst bin ich nach Wendehausen Richtung Grenze. Die hat keiner mehr bewacht. Da dachte ich: „Es gibt jetzt kein Zurück mehr“.

Intensive Freundschaft

Anna Maria Luhn, Lehrerin aus Mühlhausen: Zuerst dachten mein Mann und ich, dass die Ausreise nur denen sofort genehmigt werde, die sie beantragt hatten. Es hat eine Weile gedauert, bis wir begriffen, was da wirklich passiert. Am nächsten Morgen stand ich vor nur wenigen Schülern in der Klasse. Als der Grenzübergang Katharinenberg öffnete, waren wir dann mit dabei. Es ging nach Wanfried und Eschwege. Sehr intensive Freundschaften haben sich in dieser Zeit entwickelt, die bis heute halten. Leider haben viele Menschen die Ereignisse verdrängt oder vergessen.

Skeptisch

Carmen Grunwald, kommissarische Leiterin der 3K-Theaterwerkstatt: Ich war damals 22 Jahre alt und schwanger. Ich habe geweint und zu meinen Kollegen in der VEB Holzverarbeitung gesagt: „Ihr wisst noch nicht, was da auf uns zukommt.“ Die meisten fanden den überraschenden Fall der Mauer gut, aber es gab auch Skeptiker. In den Westen bin ist zum ersten Mal im Dezember 1989.

Als Zivi auf dem Sofa

Johannes Bruns, Oberbürgermeister von Mühlhausen (SPD): Ich erfuhr vom Fall der Mauer auf dem Sofa meiner Eltern in Sundern im Sauerland sitzend aus den Heute-Nachrichten. Ich war damals 22 und Zivildienstleistender. Wir waren alle wie elektrisiert. Wir wussten, da bewegt sich was.

Ich bewundere bis heute die mutigen Menschen, die unter großer Gefahr auf die Straße gingen und für die Freiheit demonstrierten. Ich hatte damals Dienst im Krankenhaus und konnte nicht gleich in den Osten.

Seit 1985 bin ich mit meinem Bruder, der katholische Theologie studierte, jedes Jahr in die südliche DDR gefahren und lebe nun schon seit 23 Jahren in Thüringen.

Gegenbesuch

Jürgen Wand, Journalist, Mühlhausen: An diesem Abend habe ich eher durch Zufall im Gespräch mit Kollegen davon erfahren, bis ich die Tagesschau und die Aktuelle Kamera einschaltete. Ich arbeitete damals bei der Betriebszeitung der Mikroelektronik. Als ein paar Tage später die Grenze bei Katharinenberg aufgemacht wurde, waren wir da. Ein paar Wochen später kam die Verwandtschaft aus dem Westen zu Besuch. Sie blieben ein paar Tage hier, während wir zur gleichen Zeit als „Ostbesuch“ nach Krefeld fuhren.

Wieder Anträge?

Reiner Engel, Geschäftsführer Diakonisches Werk Eichsfeld-Mühlhausen aus Bad Langensalza: Ich war zu Hause und saß vorm Fernseher. Ich habe die Pressekonferenz gesehen. Es war eine freudige Nachricht für mich, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, direkt zur Grenze zu fahren. Ich nahm an, die neue Regelung sei auch mit Anträgen verbunden, ähnlich wie beim Besuch von Verwandten. Ein Glück, dass das nicht alle so verstanden haben.

Im Trabi nach Hof

Hardy Krause, Lehrer, Bad Langensalza: Am 9. November spielten wir Karten im Zimmer eines Kommilitonen in Jena. Das Radio lief. Irgendwann haben wir das Spiel abgebrochen. Als klar war, dass die Leute über die Grenze gelassen werden, sind wir los. Der einzige Kommilitone mit Auto schlief, hatte nichts mitbekommen. Er war Judoka und glaubte uns erst nicht, hat uns fast verprügelt. Wir sind zum Grenzübergang Hirschberg gefahren. Zwischendurch mussten wir schieben. Wir sind gegen 23.30 Uhr problemlos über die Grenze, waren völlig baff und haben gejubelt. Dann sind wir nach Hof, kamen dort gegen 3 Uhr an. Wir hatten eine große Party erwartet, doch die Straßen waren leer. Also lungerten wir rum. In der Kirche gab der Pfarrer jedem von uns zehn D-Mark. Davon haben wir uns bei einem Bäcker was zu essen gekauft. Gegen 10 Uhr sind wir zurück nach Jena. An der Grenze war die Hölle los – viele Menschen, Journalisten, Kameras. Wir waren die einzigen die nach Osten wollten.

Allein in Burgtonna

Mary Fischer, Gästeführerin aus Bad Langensalza:

Am 9. November war ich bei meiner Stiefmutter in Burgtonna. Ich muss freie Tage gehabt haben, damals war ich im zweiten Lehrjahr als Krankenschwester. Ich saß alleine vor dem Fernseher, meine Stiefmutter war kurz aus dem Zimmer gegangen. Dann sagte Schabowski diesen Satz. Ich habe sofort begriffen was das hieß. Als meine Stiefmutter zurück kam, wollte sie mir im ersten Moment nicht glauben. Am liebsten wäre ich sofort los, aber wir hatten kein Auto. Busse fuhren nicht, Burgtonna lag gewissermaßen am Ende der Welt. Ich ärgerte mich.

Wenn ich in Bad Langensalza gewesen wäre, hätte ich mit irgendwem zur Grenze fahren können. Am Tag darauf bin ich früh zur Polizei, weil es zu dem Zeitpunkt noch hieß, man brauche einen Stempel im Reisepass. Dort war eine riesige Schlange, alle haben sich ungläubig angeguckt.

Ich bin einige Tage später nach Eisenach und von dort mit dem Motorrad über die Grenze. Wenn ich heute an die Wendezeit und den Mauerfall denke, werde ich sehr emotional. Denn im August 1989 waren wir als Familie im Urlaub in Ungarn. Ich war 18. Viele Menschen erzählten uns offen, dass sie Urlaub machen und dann abhauen werden. Ich fragte mich, was los ist, wieso so viele Menschen ihre Heimat im Stich lassen. Auch mein Vater kam aus dem Urlaub nicht mit uns zurück. Er setzte sich ab und hat sich zwei Tage nach dem Mauerfall gemeldet.

Schlechter Empfang

Elisabeth Weidemann, Künstlerin aus Bad Langensalza: Mit Heinrich, meinem Mann, war ich zur Ärztetagung nach Heiligenstadt gefahren. Dort haben wir auch übernachtet. Übers Radio habe ich dann gehört: Die Mauer ist weg. Wir hatten schlechten Empfang. Mein Mann hat nur gesagt: „Was du da hörst, jetzt geht die Phantasie mit dir durch.“ So gingen wir schlafen. Erst am nächsten Morgen merkten wir, dass etwas passiert sein musste. Beim Frühstück hieß es: „Herr Doktor, die Tagung fällt aus; Ihre Kollegen sind alle im Westen.“ Es war einfach niemand mehr da außer uns.

Familiensegen

Kerstin Hellmundt, Betriebswirtin aus Ufhoven: Mein Mann und ich haben die Pressekonferenz mit Günter Schabowski und seinem Zettel im Fernsehen gesehen. Wir haben uns nur angeguckt und gejubelt. Dann sind wir ins Bett. Wir waren 23 Jahre, hatten zwei kleine Kinder, das jüngste gerade drei Monate alt. Diese ganze Zeit war gefüllt mit familiärem Glück. Wir hätten gar nicht sofort zur Grenze aufbrechen wollen. Am nächsten Morgen, 6 Uhr, klingelte es an der Tür. Ein Mitarbeiter unserer Zimmerei stand dort und verkündete, er werde heute nicht arbeiten sondern nach Berlin fahren und auf der Mauer tanzen. Wir sind erst im Frühjahr 1990 rüber gefahren.

Strohwitwer

Rolf Matthäs, Rentner, Bürgermeister von 1990-94 aus Bad Langensalza: Ich war mit meinen zwei Kindern allein zu Hause. Meine Frau war zu Verwandtenbesuch im Westen. Mein Antrag war abgelehnt worden. Unsere erste West-Fahrt ging dann nach Düsseldorf. Das Benzin für unseren Trabant hatten wir uns damals in Kanistern mitgenommen. Unvorstellbar, dass nur wenige Wochen zwischen dem für mich abgelehnten Besuchsantrag und den dann geöffneten Grenzen lagen.

Im Keller

Hannes Sterzing, damaliger Jugenddiakon in Bad Langensalza: Ich saß allein im Keller unserer Jungen Gemeinde in Bad Langensalza, hatte das Radio an. Man kam in dieser Zeit einfach nicht ohne die Radionachrichten aus, so schnell, wie es Neuigkeiten gab. Wenig später kamen die Jugendlichen. Aus unserer Kellerperspektive heraus konnten wir gar nicht verstehen, welches Hochgefühl sich unter den Menschen im Land breitmachte. Selbst beim Sehen der Bilder der feiernden Menschen im TV war unser Gefühl noch ambivalent. Wir schwankten irgendwo zwischen „Wow, was da passiert“ und der Frage: „Wie geht es jetzt weiter?“

Zu den Kommentaren