Zella: Strickwaren-Manufaktur schreibt Erfolgsgeschichte

Zella  Vom Prototyp zur Serienfertigung ist es ein langer Weg: Strickwaren-Manufaktur in Zella entwickelt „intelligente“ Bekleidung, doch das unternehmerische Risiko ist hoch.

Designerin Vera Jenssen ist die rechte Hand von Geschäftsführer Gottfried Betz. Seit etwa zehn Jahren ist die Dingelstädterin bei Strick-Zella tätig und hat die Eigenmarke „Mia Mai“ mit entwickelt.

Foto: Alexander Volkmann

„Ich habe Sorge, dass unsere guten Ideen einfach in der Schublade verschwinden“, sagt Gottfried Betz. Viel Köpfchen, Geld und Zeit investieren der Geschäftsführer der Strickmanufaktur Zella und seine Mitarbeiter in moderne Produkte, die aus einem traditionellen Handwerk heraus entstehen. So werden mit Unterstützung von Forschungseinrichtungen immer wieder Prototypen entwickelt, die Bekleidung „intelligent“ machen. Bis zur Serienproduktion ist es ein langer und kostspieliger Weg, der in der Wirtschaft als das „Tal des Todes“ bekannt ist.

Ein waschbares Garn, in dem beim Spinnen bereits Wirkstoffe eingebaut werden können, hat den Sprung geschafft. Die gemeinsam mit dem Thüringischen Institut für Textil- und Kunststoff-Forschung Rudolstadt (TITK) entwickelte Zellulosefaser wird bereits in Strickwaren aus Zella verarbeitet. Das darin enthaltene Paraffin sorgt für einen aktiven Kühleffekt und unterstützt die Thermoregulation des Körpers. Für andere Ideen gibt es bereits Prototypen, wie für die Jacke mit den eingestrickten elektrisch leuchtenden Fasern. Modisch auf der einen, funktional auf der anderen Seite, meint der Unternehmer. Er denkt an Jogger, Radfahrer oder Schulkinder, die in der Dämmerung unterwegs sind. Auch einen in Kleidung eingebauten waschbaren Taster zum Steuern von Handy-Funktionen, wie etwa das Absetzen eines Notrufes, gibt es bereits als Prototyp.

Erst weitere Tests und die Zertifizierung für die Zulassung machen das Produkt jedoch serienreif. Und das kostet das Unternehmen noch mal so viel, wie die Entwicklung selbst, sagt Gottfried Betz. 100.000 bis 150.000 Euro schätzt er die Kosten, um den Taster auf den Markt zu bringen. Während die Entwicklung oft vom Bund gefördert wird, trägt das wirtschaftliche Risiko für die Herstellung der Serienreife der Unternehmer, weshalb so manche Innovation es gar nicht in die Regale schafft. „Das Risiko kann nicht auf den Staat abgewälzt werden, deshalb muss ich als Unternehmer gut überlegen, ob ich damit Geld verdienen kann“, sagt der Schwabe.

Doch das Experimentieren liegt dem promovierten Physiker im Blut, weshalb er auch nach einem ziemlich prägenden Rückschlag nicht davon lässt. „Nie wieder Hightech“, hatte sich Gottfried Betz geschworen, nachdem er in den 80er-Jahren das Patent für ein Messverfahren an eine andere Firma verlor. Zu unrecht, wie damals zwar bestätigt, von seinem Arbeitgeber aber nicht weiter verfolgt worden sei. So wollte er sich fortan auf altbewährtes konzentrieren, auf Handwerk und Tradition.

2005 las er in einer Tageszeitung, dass der Strickbetrieb in Zella einen Investor sucht und stieg ein. Die Idee des Kunstfreundes: Berliner Modeschöpfern mit Hilfe der Strickmaschinen aus Zella einen handwerklichen Boden bereiten. Er übernahm die Insolvenzmasse und vier Mitarbeiter. „Wir mussten das schwimmende Schiff während der Fahrt reparieren“, sagt Betz. Um die Löhne zahlen zu können, nahm der Betrieb die Lohnfertigung an – entgegen den eigentlichen Plänen. Die Designer sprangen ab.

Erst seit etwa zehn Jahren, mit Beginn der Zusammenarbeit mit Designerin Vera Jenssen aus Dingelstädt, hat sich das Blatt gewendet. Heute bringt die Eigenmarke gut 90 Prozent des Umsatzes. Lohnfertigung macht nur einen geringen Teil aus. Das sei angesichts der allgemeinen Lohnentwicklung in Deutschland der richtige Weg, so Betz. Denn viele ehemalige Auftraggeber würden jetzt günstiger in Fernost produzieren lassen.

1,6 Millionen Euro hat der Schwabe bislang in die Firma mit ihren heute 32 Mitarbeitern investiert. Seine Anteile am schwäbischen Familienunternehmen „Spohn & Burkhardt“, einem Elektrotechnikhersteller, seien die finanzielle Basis für seine „wirtschaftlichen Eskapaden“, wie Strick-Zella. Im kommenden Jahr wird die Strickwarenmanufaktur 100 Jahre alt, gegründet von Leonard Mai. Ihm ist der heutige Name der Damen-Kollektion „Mia Mai“ gewidmet, die in 250 Geschäften im deutschsprachigen Raum erhältlich ist. Eigene Läden gibt es in Dingelstädt und Mühlhausen.

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