Die Reifeprüfung des ThSV Eisenach

Eisenach  Warum Eisenachs Zweitliga-Handballer trotz einer Siegesserie nicht vom Bundesliga-Aufstieg träumen.

Ante Tokic freut sich mit den Eisenacher Fans.

Ante Tokic freut sich mit den Eisenacher Fans.

Foto: Sascha Fromm

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Eine kleine Geschichte am Rande erzählt das neue Mitein- ander. Als die Eisenacher Zweitliga-Mannschaft beim 26:23 gegen Lübeck-Schwartau vor 2160 Fans den dritten Heimsieg in Serie bejubelte, saßen auch 47 ehrenamtliche Helfer in der Werner-Aßmann-Halle, die vor ein paar Wochen mit angepackt hatten, als die Deutschland-Tour der Radprofis hier Station machten. „Wir wollten einfach Danke sagen, dass sie sich für unsere Stadt engagiert haben“, sagt Manager Rene Witte, dem es wichtig ist, die Euphorie aus der Halle in die Region zu tragen.

Tatsächlich ist ihm das schon ganz gut gelungen. Wenn der punktgleiche HSV Hamburg am morgigen Samstag nach Eisenach kommt, erwartet Witte eine Saisonrekordkulisse. Bis Mittwoch waren immerhin schon 1600 Karten verkauft. So viel wie nie vor den bisherigen Heimspielen. Und Brisanz birgt das Duell der beiden Ex-Bundesligisten durchaus. Während der einstige Champions-League-Gewinner (2013) nach einer Insolvenz wieder nach oben strebt, ist der Traditionsklub aus Thüringen gerade dabei, sich nach dem Absturz in die 3. Liga wieder in der 2. Bundesliga zu etablieren. Nun rangieren beide Vereine mit 11:5 Punkten nur einen Zähler hinter Tabellenführer Essen.

Sead Hasanefendic, der 71 Jahre alte Trainer-Fuchs, hat es tatsächlich geschafft, aus der Eisenacher Mannschaft eine in der eigenen Halle wieder gefürchtete Einheit zu schmieden. Zweimal stürzte er zuletzt mit seinen Spielern den Tabellenführer, zuletzt ließ sich seine Truppe auch nicht von einem Sechs-Tore-Rückstand beirren. „Es ist wichtig, dass wir in der Abwehr nun verschiedene Systeme spielen können und wir dahinter mit Blaz Voncina einen starken Torhüter haben“, sagt Hasanefendic nach drei Siegen in Serie, ohne abzuheben: „Wir genießen den Moment.“

Die Duelle gegen Hamburg standen in der Vergangenheit oft unter besonderen Vorzeichen. Zum Beispiel im Oktober 2013, als Eisenach improvisieren musste. Und die Begebenheit zeigt, wie schnell sich die Welt des Handballs weitergedreht hat – nur eben in Eisenach nicht. Weil schon damals die Werner-Aßmann-Halle für die erste Liga als nicht tauglich erklärt wurde, einigte man sich mit der Handball Bundesliga (HBL) auf einen Kompromiss. Der ThSV musste in jener Saison drei Heimspiele auswärts antreten und spielte das Duell gegen Hamburg in Coburg (32:39) aus.

Nun, sechs Jahre später, steht noch immer keine Halle in Eisenach, die den Verein auf lange Sicht die Zukunft in der 1. oder 2. Liga sichern könnte, weil die Stadt trotz zugesagter Landesförderung von neun Millionen Euro es noch immer nicht geschafft hat, ein tragfähiges Finanzkonzept für einen Neubau auf den Tisch zu legen.

Welche Bedeutung der Handball allerdings in der Region besitzt, zeigt der Zweitliga-Aufsteiger gerade in diesen Tagen. Der Manager aber bleibt trotz aller Euphorie lieber demütig. Denn ein Blick über Thüringen hinaus relativiert auch einige Zahlen. In der Zuschauerstatistik stehen viele Vereine – eben wegen moderner, zeitgemäßer Spielstätten – aktuell deutlich vor Eisenach (Rang acht).

Das will Rene Witte ändern. „Uns muss es gelingen, irgendwann einen Schnitt von 2000 Zuschauern zu erreichen“, sagt er und will deshalb auch jüngeres Publikum in die Halle locken. Einmal in der Hin- und Rückrunde lädt der Verein zum Beispiel 500 Kinder der Region zu einem Heimspiel ein.

Der sportliche Erfolg in diesen Tagen hilft ihm bei all den Bemühungen um noch mehr Aufmerksamkeit. Er weiß jedoch, dass der Funke vom Parkett auf die Tribüne springen muss, nicht umgekehrt. „Man kann schlecht spielen, aber nicht schlecht kämpfen“, sagt Witte, der trotz Tabellenplatz fünf bescheiden bleibt: „Es gilt nach wie vor, dass wir erst einmal so viele Punkte wie möglich sammeln wollen, um den Klassenerhalt zu sichern.“

Die Heimstärke des Aufsteigers dürfte sich längst herumgesprochen haben, selbst bis nach Hamburg. Auch deshalb ist für ihn das Heimspiel gegen die Elbestädter ein wichtiger Gradmesser: „Man kann es durchaus als Reifeprüfung betrachten.“

ThSV Eisenach - HSV Hamburg, Samstag, 19.30 Uhr, Werner-Aßmann-Halle

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