Die Zauberinnen: Von vorschnellen Urteilen und dem Hang zum Polarisieren

Susanne Krauß möchte, dass Menschen lieber selbst denken, statt nur Gehörtes zu übernehmen.

Autorin Susanne Krauß

Autorin Susanne Krauß

Foto: Stefanie Krauß / Susanne Krauß

Wie hätten Sie die Manipulation denn gern? Von vorn oder hinten rum? Wie ist das bei Ihnen, liebe Leser und Leserinnen? Ertappen Sie sich manchmal beim vorschnellen Urteil, das Sie wieder revidieren müssen, weil alles anders war als gedacht?

Fällt Ihnen Korrektur leicht? Denken Sie noch drüber nach, wie es zu Ihrem Fehlurteil kam? Ausgiebig mit den Bekannten gesprochen, den Standpunkt so erhärtet fällt es umso schwerer, sich Irrtümer einzugestehen. Na gut, alles menschlich!

Vorurteile sind Hilfsmittel gegen Reizüberflutung. Sie ordnen die vielen Eindrücke und dienen dem trägen Geist zu bequemen Abkürzungen im Denken. Der Trick lässt uns entspannter leben, ist unser Entscheidungskatalysator, der oft richtig liegt, sonst würden wir der Pi-mal-Daumen-Methode nicht lange vertrauen.

Blöd nur, dass dieses Ordnungssystem auch Schubladen für bestimmte Menschengruppen enthält, gute oder schlechte Eigenschaften reinlegt und sie danach schnell wieder zuschmeißt: Frauen können nicht fahren, Männer hören nie zu, Linke randalieren sinnlos, Rechte schüren Fremdenhass… und voila: fertig ist der Baukasten fürs perfekte Urteil über eine Personengruppe.

Manchmal stimmt es, oft auch nicht. Früher oder später kommt die Vernunft vielleicht zu dem Schluss, dass negative Eigenarten oder üble Taten Einzelner nicht verallgemeinert werden können – dann aber vielleicht zu spät.

Doch jetzt mal konkret: Des Geistes Freund, des Menschen Leid wie im jüngsten Falle: Eine 19-Jährige erhob den Vorwurf der Vergewaltigung, was so dann auch in der Zeitung stand. Nach Bekanntwerden des mutmaßlichen Vorfalls waren viele Eisenacher wütend und sprachlos, auch ich. Emotionale Betroffenheit gegenüber dem Opfer, Abscheu gegenüber Tätern – so verständlich beides ist, Gefühle sollten der Manipulation niemals Tür und Tor öffnen, sich nie instrumentalisieren und polarisieren lassen bis auf Messers Schneide.

Plötzlich ging es nämlich nicht mehr um eine Straftat, sondern um Generalisierungen, die eine bestimmte Menschengruppe ausschließen sollte. Die Vergewaltigung habe es so nicht gegeben, hieß es wenige Zeit später.

Mal davon abgesehen, dass Derartiges tatsächlichen Vergewaltigungsopfern zusätzliches Leid beschert – ich bemerke solche bewusst in die Irre geleitete Urteilsbildung immer öfter und frage mich: Was bewegt uns Menschen dazu, eigene Denk-Wege zu meiden, stattdessen andere für sich denken und urteilen zu lassen und es politischer Manipulation damit unglaublich leicht zu machen?

Carolinde Müller-Wolf sowie Stefanie und Susanne Krauß schreiben eine wöchentliche Zeitungskolumne, angelehnt an ihren Blog „Die Zauberer von Ost“.

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