Eisenach erlebt vor 75 Jahren den schwersten Luftangriff im Krieg

Eisenach  Am 11. und am 13. September 1944 gehen über 900 Bomben über der Wartburgstadt nieder. Die Chronik zu den schwarzen Stunden:

Die Zerstörung des Stadtwerkes Eisenach der Bayerischen Motorenwerke wird an diesem Foto deutlich. Durch die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg werden auch viele Gebäude südlich des Bahndamms zerstört.

Die Zerstörung des Stadtwerkes Eisenach der Bayerischen Motorenwerke wird an diesem Foto deutlich. Durch die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg werden auch viele Gebäude südlich des Bahndamms zerstört.

Foto: 8th Air Force Historical Society

Den verheerendsten Bombenangriff des Zweiten Weltkriegs erlebt die Wartburgstadt am 11. September vor 75 Jahren. An diesem Tag heben in Südengland bei der Mission 623 der 8. USAAF insgesamt 1131 schwere Bomber aller drei Bomber Divisionen und 440 Jäger zum Flug nach Deutschland ab.

Als Hauptziele steuern die Bomberverbände Werke der synthetischen Ölproduktion und Raffinerien an acht verschiedenen Standorten sowie mehrere Gelegenheitsziele an, darunter auch Eisenach. „71 B-17 der 1. Bomberdivision der 303., 306., 401. und 384. Bomber-Gruppen werfen 178 Tonnen Bomben auf die Wartburgstadt – mit verheerenden Folgen“, erzählt der Eisenacher Luftkriegshistoriker Eberhard Hälbig. 194 Eisenacher verlieren bei diesem Angriff ihr Leben.

Die sogenannten „Fliegenden Festungen“ (B-17) der 1. Bomber Division der 8. US-Luftflotte verlieren um die Mittagszeit aus 8000 bis 9000 Meter Höhe über Eisenach insgesamt 807 ihrer Allzweckbomben mit jeweils einem Gewicht von 227 Kilogramm. Das BMW-Produktionsgelände an der Rennbahn (Stadtwerk) wird sehr schwer getroffen, die gut getarnte BMW-Flugmotorenfabrik Eisenach am Dürrerhof (Waldwerk) ebenfalls, aber bei weitem nicht so stark. Viele Wohngebäude, besonders in der Umgebung des innerstädtischen BMW-Werks, verdienen nach dem Angriff nur noch die Bezeichnung Ruine.

Eisenacher flüchten aus der Stadt ins Umland

Gegen diesen Bomber-Angriff kann sich Eisenach nicht mehr verteidigen, da erst vier Tage zuvor die schweren deutschen 8,8-cm-Flak-Batterien, die um die ganze Stadt stationiert waren, zum Fronteinsatz abgezogen werden. Nur wenige Stunden nach diesem Luftangriff auf Eisenach durchstoßen erstmals US-Boden-Truppen bei Roetgen an der belgischen Grenze den Westwall und dringen schnell 15 Kilometer weit ins Deutsche Reich vor.

An diesem 11. September wird ganz Mitteldeutschland zum Schlachtfeld. „Die Kämpfe dehnten sich von Bad Hersfeld bis ins Erzgebirge aus, wo die Amerikaner einen hohen Preis zu zahlen hatten – eine Squadron der 100. Bomber-Gruppe wurde fast vollständig vernichtet“, erzählt der Luftkriegskenner. Insgesamt verlieren sie an diesem Tag 40 schwere Bomber und 17 Jagdflugzeuge. Der Preis der Luftwaffe der Wehrmacht ist noch größer: 124 deutsche Jagdflugzeuge gehen bei Luftkämpfen zwischen 10.40 Uhr und 15.30 Uhr, auch im Raum Eisenach, Gotha und Oberhof, mit Schäden nieder.

„Die Flugzeuge mit dem großen aufgemalten Dreieck am Leitwerk – das Erkennungszeichen der Ersten Bomber-Division – kommen nur zwei Tage später wieder“, erzählt Eberhard Hälbig. Die Wartburgstädter flüchten erneut voller Verzweiflung in die Luftschutzkeller; viele Einwohner wollen nur noch raus aus der Stadt und suchen Schutz in der Umgebung. Bei der 628. Mission fliegen an diesem 13. September 1944 insgesamt 1015 Bomber und 477 Jagdflugzeuge abermals Ziele der Ölindustrie in Mitteldeutschland an. Unter den Gelegenheitszielen ist wieder Eisenach zu finden. Über Eisenach werfen ein Dutzend B-24-Flugzeuge der 1. Bomber Division der 8. US-Luftflotte insgesamt 115 Bomben mit einem Gesamtgewicht von 28,4 Tonnen ab.

„Nur ein Dokument der 8. USAAF beschreibt einen Angriff auf Eisenach an diesem Tag“, sagt der Luftkriegshistoriker. Zum Glück hätten „nur“ sieben Flugzeuge die Stadt getroffen. Fünf klinken ihre Bombenlast zu früh, irgendwo in waldiger Gegend, aus. „Trotzdem fanden vermutlich schätzungsweise 33 Eisenacher dabei den Tod“, sagt er. Eine exakte Zahl ist nicht überliefert.

Die deutsche Luftwaffe büßt zwischen 11.45 Uhr und 12.45 Uhr 33 Jagdflugzeuge ein und die Amerikaner verlieren 15 schwere Bomber und acht Jagdflugzeuge bei den Luftkämpfen im mitteldeutschen Raum. „Für Eisenach waren diese beiden Tage im September 1944 allerdings die größte Katastrophe des gesamten Krieges“, sagt der Geschichtskenner. An diesen beiden Tagen verloren ungefähr 227 Eisenacher Bürger im Bombenhagel ihr Leben. Alle Opfer vor diesen beiden Tagen und die noch kommenden bis zum Kriegsende sind zusammen nicht so hoch, wie die, die der 11. und der 13. September 1944 gefordert haben.

An diesen beiden September-Tagen beschädigen die Detonationen abgeworfener Bomben auch die Wagenhalle der Eisenacher Straßenbahn.

Viele Menschen hofften dort, Schutz vor den Angriffen zu finden. Der Eisenacher Straßenbahnverkehr kommt gänzlich zum Erliegen.

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