Eisenach: Neun Menschen zeigen in der Brache ihr Gesicht

Eisenach.  Das Kunstprojekt eines angesehenen Fotografen zum Industriedenkmal O1 macht Fortschritte. Dokumentiert wird das Gebäude im Wandel der Zeit.

Beim Kunstprojekt des Fotografen Werner Schöffel (links) und des Texters Uwe Britten über das Industriedenkmal O1 werden Menschen in Szene gesetzt, die mit der Geschichte des Gebäudes der früheren Automobilwerke Eisenach verbunden sind, darunter der 95-jährige Paul Harder.

Beim Kunstprojekt des Fotografen Werner Schöffel (links) und des Texters Uwe Britten über das Industriedenkmal O1 werden Menschen in Szene gesetzt, die mit der Geschichte des Gebäudes der früheren Automobilwerke Eisenach verbunden sind, darunter der 95-jährige Paul Harder.

Foto: Jensen Zlotowicz

„Bleiben Sie gesund, wir wollen Sie spätestens zur Vernissage 20022 wiedersehen“, verabschiedeten der Fotograf Werner Schöffel, dessen Frau und der in Eisenach ansässige Texter Uwe Britten Paul Harder am Mittwoch aus dem Industriedenkmal O1. Harder feierte vor wenigen Tagen seinen 95. Geburtstag und ist einer von neuen Menschen, die im Zuge des von Schöffel Anfang des Jahres initiierten Kunstprojektes zum O1 dort in Szene gesetzt werden. Sie alle verbindet etwas mit dem Industriedenkmal. Harder begann 1948 im Automobilwerk im Karosseriebau. „Dort drüben war das Meisterbüro, da hinten stand die Biegemaschine, in der Ecke da hinten war das Tauchbecken“, erklärte der Senior in der gespenstisch anmutenden Halle Strukturen des Rahmenbaus.

Harder will gedutzt werden und erzählt von der Nachkriegsproduktion des BMW 320, von Motorrädern und dem Brigadier Otto Steinhäuser, der im O1 bekannt war. Für Harder war das Gebäude Arbeitsort über Jahrzehnte. In den 1980er Jahren war der Wahl-Eisenacher, der nach dem Krieg wegen der Liebe im sowjetischen Eisenach geblieben war, einer von vier AWE-Mitarbeitern, die eine Auszeichnungsreise nach Kuba erhalten hatten. Alles schöner Schnee von gestern, sagt er. Wirklich umtreibe ihn und ehemalige AWE-Kollegen bis heute, warum Opel und nicht der in Eisenach verwurzelte Autobauer BMW nach dem Mauerfall ein Werk in Eisenach baute.

Schlöffel und Harder mit einer Schnittstelle im Elsass

Der in Bamberg ansässige Fotograf Werner Schöffel und seine Mitstreiter hörten zu, etwa dass Harders Vater im ersten Weltkrieg im elsässischen Weißenburg stationiert war und seine Mutter dort für einen Offizier kochte. Genau dort hat Schöffel Verwandtschaft. Der 95-Jährige hat den Krieg, die Gefangenschaft, die deutsche Teilung, den Westen, wo er her stammt und das Gros seiner Familie lebte, und die DDR erlebt. Das Kunstprojekt registrierte er nur am Rande.

Fotograf Schöffel hat mittlerweile einen Animationsfilm aus dem gewaltigen Datenmaterial zum O1 produziert. Ein technisches Kunstwerk. Der Lichtbildner verwebt aktuelle Daten mit historischen Darstellungen und das mit spezieller Computer-Technik. Im März hatte Schöffel das O1 mit einem Laser vermessen, das Gebäude von zig Standpunkten aus komplett gescannt und zugleich in Details fotografiert. Corona gab ihm die Möglichkeit, die Flut an Daten und Bildern in Ruhe zu verarbeiten. Daraus entstanden ist auch ein Arbeits(foto)buch mit Texten, dass nun um die neun Porträts der Eisenacher erweitert wird.

Die aktuelle Entwicklung des O1, mit dem Ziel dort eine Sportarena zu errichten, verfolgt Werner Schöffel aufmerksam. Er steht Gewehr bei Fuß, wenn etwas passiert. Im Winter und Frühjahr will er Außenaufnahmen machen. Ihm ist aufgefallen, dass das Gebäude aus den 1930er Jahren trotz dreier Etagen von kaum einer Stelle der Stadt aus als „herausragend“ zu erkennen ist, auch nicht von der Wartburg. „Das war wohl so beabsichtigt, um im Krieg aus der Luft weniger aufzufallen, es wurden ja auch Rüstungsgüter produziert“, sagt der vielfach gewürdigte Künstler.

Zu den neun im O1 im Bild festgehaltenen Personen gehören neben Paul Harder übrigens auch Alt-Oberbürgermeister Hans-Peter Brodhun, die amtierende Eisenacher Oberbürgermeisterin Katja Wolf (Linke), eine frühere technische Zeichnerin, oder Sylvia Assenmacher, die noch im Museum Automobile Welt Eisenach arbeitet.