Eisenach: Prominenter Penne-Pauker ist 96 Jahre alt

Eisenach  Joachim Baier ist in der ganze Stadt bekannt und 96 Jahre alt. Ehemalige Schützlinge schätzen den prominenten Penne-Pauker

Der frühere Lehrer der Eisenacher Luther-Schule und der EOS „Ernst Abbe", Joachim Baier (rechts), im Kreise dankbarer Schüler, die ihm zum 96. Geburtstag gratulierten. Foto: Jensen Zlotowicz

Der frühere Lehrer der Eisenacher Luther-Schule und der EOS „Ernst Abbe", Joachim Baier (rechts), im Kreise dankbarer Schüler, die ihm zum 96. Geburtstag gratulierten. Foto: Jensen Zlotowicz

Foto: Jensen Zlotowicz

Bei Joachim Baier stand das Telefon am Mittwoch nicht still. Die Gäste gaben sich fast die Klinke in die Hand. Alle gratulierten ihrem ehemaligen Lehrer – einmal Lehrer, immer Lehrer – zum 96. Geburtstag. Dabei überbrachten die Gratulanten auch die Glückwünsche zahlreicher anderer Menschen, die ihren Lehrer Joachim Baier in ihr Herz geschlossen haben.

Baier ist der älteste Lehrer in Eisenach, ein prominenter dazu. Hunderte Schüler hat der 1923 im schlesischen Gleiwitz geborene Pädagoge ab 1949 an der Luther-Schule (er studierte da noch nebenbei) und ab 1960 an der Erweiterten Oberschule (EOS) „Ernst Abbe“ in seinen Hauptfächern Deutsch und Latein zum Abitur geführt. Baier hat Generationen von Schülern geprägt. Sie halten bis heute große Stücke auf ihren Penne-Pauker. Darunter sind aber auch solche, die an der Volkshochschule in Eisenach ihr Abitur im Abendkurs nachgeholt hatten. Auch dort unterrichtete Baier.

Der Senior ist geistig „fit wie ein Turnschuh“, hat Namen ehemaliger Schüler reihenweise parat, ein brillantes Gedächtnis und ist eine Frohnatur, auch wenn er vom Nutzen seiner beiden Hörgeräte nicht überzeug ist. „Solange ich das Leben spüre, bin ich ihm verfallen“, sagt er.

An seinen Geburtstag dachten viele ehemalige Schüler. Aus den meisten von ihnen ist, wie man so schön sagt, etwas geworden: Mathematiker, Mediziner, Juristen und vieles andere mehr – auch Lehrer.

Joachim Baier war immer mit Leib und Seele Lehrer. Der 96-Jährige könnte Bücher schreiben. Das Kapitel seiner Kriegsgefangenschaft bis 1948 in Kroatien und Slowenien würde er dabei aber auslassen. Darüber hat er auch mit seinen Schüler nie gesprochen. Da ist der Deckel drauf.

Der Neulehrer hatte es anfangs schwer, sich bei den Schülern zu behaupten, erinnert er sich. Nach und nach aber avancierte Baier zum Liebling, ob an der Luther-Schule – man spürt: bei ihm: einmal Lutherschule immer Lutherschule – oder der mit ihr verschmolzenen Abbe-EOS. Dass es den Lehrer, der eigentlich Medizin studieren wollte, überhaupt nach Eisenach verschlug, lag an einem seiner Brüder, Helmut, dem „kleinen Baier“. Joachim war der „große Baier“, der frühere Direktor der Abbe-Oberschule der „dicke Beyer“. So konnte man die Namensgleichen auseinanderhalten. Der „große Baier“ hätte damals schon „Verdienter Lehrer des Volkes“ werden müssen, sagen ehemalige Schüler. Sie schätzen ihn und seine „schauspielereische Art“, Wissen zu vermitteln. Ja, es flogen dabei auch mal Kreide und Schlüssel aus der Baier-Kanone.

Schon vor Jahren hatte er sich bei all den Schülern offiziell entschuldigt, denen er Unrecht getan habe. Wie ihn eine Flut seiner Schüler bis heute verehrt zeigt, dass es so viel Ungerechtigkeiten wohl nicht gegeben oder man ihm verziehen haben muss.

Anfangs musste Baier auch Mathe geben. Ohne seinen erfahrenen Kollegen Dr. Koch („MaKo“) wäre er dabei gescheitert, sagt Baier. Der Junglehrer hat die Vorkriegskollegen noch alle kennengelernt, den „Franzosen“ Waldmann, genannt „Dackel“, der an der Sorbonne studiert hatte, den Preuß, Fräulein Liebmann, Schernikau und andere. Einige von ihnen, auch Schüler, gingen vor dem Mauerbau in den Westen, der „große Baier“ blieb und machte seinen Kompromiss mit dem System, blieb sich aber immer treu, schätzen seine Schüler. Baier selbst sah sich übrigens selbst immer als Lernender.

An der Gerstunger Penne hatte er den Latein-Unterricht eingeführt. Die damalige Schulleiterin war eine ehemalige Schülerin, die wusste, was Achim Baier drauf hat. Das erfuhren alle seine Schüler, die Baier als Lehrer und als Mensch schätzten. Seine letzte Klasse gab der dann stellvertretende Abbe-Direktor 1969 ab und ging Mitte der 80er in Ruhestand. Diese (fast reine) Mädchenklasse hat es Baier besonders angetan. Zwei Schülerinnen der Truppe, die gerade ihr 50-jähriges Abitur feierte, gratulierten gestern auch.

Ehemalige Schüler, Joachim Baier ist seit einiger Zeit Witwer, helfen dem Senior bis heute.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.