Gerstungen: Werratalmuseum zeigt den Krieg vor der Haustür

Gerstungen.  Das Werratalmuseum erinnert an Kriegserlebnisse in der Region um Gerstungen

Katharina Dötterl leitet das Werratalmuseum in Gerstungen und steht auf dem Bild in den Räumen der Sonderausstellung. Zu sehen ist sie bis 30. September dieses Jahres. 

Katharina Dötterl leitet das Werratalmuseum in Gerstungen und steht auf dem Bild in den Räumen der Sonderausstellung. Zu sehen ist sie bis 30. September dieses Jahres. 

Foto: Katja Schmidberger

In Untersuhl wird am 1. Dezember 1938 Anna Devis (auch Eva Dewis) geboren. 1943 wird das Sinti-Mädchen mit seiner gesamten Familie ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Es hatte nur ein kurzes Leben. Lange war dies nicht klar, ihr Schicksal galt als ungeklärt. Doch Historikerin Katharina Dötterl hat im Zuge der neuen Sonderausstellung „II. Weltkrieg im Werratal – eine Region blickt zurück“ im Gerstunger Werratalmuseum ihr Schicksal und das ihrer Familie recherchieren können. Die Museumsleiterin fand zunächst Hinweise in einem Buch über den Deutscher Widerstand in Thüringen. In dem Buch war Gerstungen aufgelistet, so fand Katharina Dötterl den Namen von Anna Devis. Über einen Suchdienst fand sie zudem heraus, dass die Sinti-Familie ein trauriges Schicksal ereilte. Von der einst achtköpfigen Familie überleben nur die ältesten beiden Geschwister Heinrich und Ida, und dies auch nur, weil sie von Auschwitz nach Deutschland zurück deportiert wurden, wo sie in den Konzentrationslagern Buchenwald und

Erika Senninger aus Bebra hat Bombardierung erlebt

In der Sonderausstellung – das Werratalmuseum hat seit 8. Mai wieder geöffnet – hat Katharina Dötterl das Kriegsende 1945 in der Heimatregion aufgearbeitet. Zu sehen sind Exponate aus dem Depot. Vor allem interessant ist aber der Textteil der Ausstellung. Auf mehreren einzelnen Stellwänden wird die Situation in den einzelnen Orten geschildert, aber es werden auch besondere Schicksale erzählt, wie eben das von Anna Devis. Der Bombardierung des Gerstunger Bahnhofs am 20. Juli 1944 ist ein Abschnitt gewidmet. Unterlegt ist dieser mit einem Zeitzeugenbericht von Erika Senninger aus Bebra, die als sechsjähriges Mädchen diesen schweren Angriff miterlebt hat. Sie war an diesem Tag mit ihrer Tante aus Bebra gekommen. Es war ein schöner Sommertag mit silbernen Flugzeugen am Himmel. Dann traf den Bahnhof eine Sprengbombe. Erika und ihre Tante wurden durch den Druck der Explosion durch die Luft geschleudert.

„Mein dünnes Sommerkleid war voller Glassplitter und einige hatten sich auch in meine Haut gebohrt. Sonst blieben wir abgesehen von einem schweren Trauma unverletzt“, schreibt sie über dieses schlimme Erlebnis. Verschiedene Zeitzeugen berichten auch vom Einmarsch der Amerikaner, auf anderen Informations-Wänden wird nach Kriegsende der Aufbau der Grenzanlagen erläutert. Nachzulesen ist auch, wo heute noch Ehrenmale in den Ortsteilen der neuen Gemeinde Gerstungen stehen. Thematisiert wird der Heldengeburtstag 1937 ebenso wie der Start des Autobahnbaus 1938. Manche Textstellen sind mit QR-Codes für weitere Informationen unterlegt.

Eine Broschüre für die Schulen soll es geben

Die Sonderausstellung ist so konzipiert, dass sie ab 30. September – so lange läuft sie – auch in einer Wanderausstellung gezeigt werden kann. Dies war vor allem auch dank der Kooperation mit „Denk bunt im Wartburgkreis – Partnerschaft für Demokratie“ möglich, die sich an der Finanzierung der Schau beteiligte. Vor allem für Schulen sei die Ausstellung gut nutzbar, weist die Museumsleiterin hin. Aufgrund der Corona-Situation dürfen derzeit leider keine Führungen stattfinden. Dötterl will gern noch eine passende Broschüre für Schulen herausgeben, um auf diese Weise die Heranwachsenden für die Geschichte vor der Haustür zu sensibilisieren. „Ich finde es wichtig, zu erklären, was auch im Ort passiert ist“, betont Katharina Dötterl. Nach der Schau zum Zweiten Weltkrieg wird es im Herbst eine weitere Sonderausstellung geben, die sich mit 30 Jahre Deutsche Einheit beschäftigen wird.

Geöffnet ist das Werratalmuseum Dienstag bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr, der Eintritt für die Sonderausstellung kostet einen Euro, für das gesamte Museum drei Euro, ein Euro pro Kind.