In der Zwangspause neue Wege entdecken

Geistliches Wort:  Manfred Hilsemer, Pfarrer der St.-Annen-Kirche zu Eisenach, über Möglichkeiten, die Corona-bedingten Einschränkungen zu nutzen.

 Pfarrer Manfred Hilsemer (Annenbezirk)

Pfarrer Manfred Hilsemer (Annenbezirk)

Foto: Norman Meißner

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Wie lange soll das noch gehen mit der Kontaktsperre? Wie lange wird unser Leben noch so sehr eingeschränkt? Manch einer fühlt sich durch die angeordneten Regelungen gegängelt und fragt sich, ob das alles wirklich notwendig ist. Natürlich gibt es berechtigte Rückfragen, berechtigte Kritik. Zum Beispiel: Warum dürfen Buchläden bald wieder öffnen, während Gottesdienste weiterhin untersagt sind? Man kann sich den ganzen Tag lang über solche vermeintlichen Ungereimtheiten aufregen. Aber vielleicht kann man diese erzwungene Kontaktsperre, diese Zwangspause auch dazu nutzen, in sich zu gehen, und um sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Es könnte doch sein, dass man da interessante Entdeckungen macht! Mich hat vor Kurzem ein Artikel über den Weltklasse-Schachspieler Wolfgang Uhlmann fasziniert, den ich in dieser Zeitung entdeckt habe: Als kleiner Junge, im Alter von zehn Jahren, ist er an Tuberkulose erkrankt. Er musste daraufhin für ein Jahr in ein Sanatorium. In einem Interview hat er über diese Zeit folgendes gesagt: „In dem Sanatorium war es sehr eintönig... Ich hatte endlos viel Zeit, und mein Vater gab mir deshalb einige Schachbücher, die ich dann durchgearbeitet habe.“ Im Rückblick war die Zwangspause für diesen Jungen eine glückliche Fügung. Denn dadurch hatte er Gelegenheit, seine Gabe, ja seine Berufung zu entdecken: Schach wurde sein Leben! Im Jahr 1960 hat er in Buenos Aires sogar den Schachweltmeister Bobby Fischer besiegt. „Vertraut den neuen Wegen“, heißt es in einem der bekanntesten Lieder im Evangelischen Gesangbuch. Gerade in den letzten Wochen mussten wir alle mehr oder weniger erfahren, wie hinfällig Planungen von einem auf den anderen Tag geworden sind. Manche Lebensplanung wurde in Frage gestellt. Wie gut, wenn man in diesem schmerzlichen Moment offen bleibt für andere Wege und dann auch die Kraft bekommt, andere Wege anzugehen. Ich plädiere also dafür, diese Krise nicht dazu zu benutzen, sich über die verordnete Kontaktsperre und die vermeintlich unausgegorenen Maßnahmen unserer Regierung aufzuregen, sondern die Krise und die Zwangspause zu nutzen, um in sich zu gehen.

Vielleicht merkt man dann, welche Kraft in der verordneten Ruhe liegt, merkt man, wie sich plötzlich ganz neue Wege auftun. „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist….“

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