Inschriften auf jüdischen Grabsteinen in Eisenach übersetzt

Eisenach.  Vier Eisenacher dokumentieren jüdische Grabstätten auf dem Friedhof und übersetzen die Inschriften. Ihre Forschungen sind fast abgeschlossen.

Diese Grabmale gehören zum älteren jüdischen Grabfeld auf dem Eisenacher Hauptfriedhof.

Diese Grabmale gehören zum älteren jüdischen Grabfeld auf dem Eisenacher Hauptfriedhof.

Foto: Fotostudio Göpel

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Für die Dokumentation der jüdischen Grabsteine auf dem Eisenacher Hauptfriedhof sind Gelder aus dem Kulturfonds der Stadt Eisenach bewilligt worden. Was verbirgt sich dahinter?

Antworten geben Kirstin Heinecke, Sylvia Göpel, Siegbert Braun und Dr. Wolfgang Schenk. Die Lehrerin, die Inhaberin eines Fotostudios, den pensionierten Pastor und den ehemaligen Leiter des Lutherhauses eint das Interesse an der jüdischen Geschichte Eisenachs, die sich unter anderem an den letzten Ruhestätten der Menschen ablesen lässt. Eine Dokumentation für die beiden jüdischen Grabfelder auf dem Hauptfriedhof gibt es bisher nicht.

Die Grabsteine datieren auf die Jahre 1868 bis 1942

„Viele andere Städte haben so etwas schon“, weiß Kirstin Heinecke, die laut Wolfgang Schenk innerhalb der kleinen Arbeitsgruppe die umfangreichsten Recherchen geleistet hat. Sie hat beispielsweise die biografischen Daten der Verstorbenen erfasst und versucht, verwandtschaftliche Verbindungen herzustellen. Während das Fotostudio Göpel die noch vorhandenen Grabsteine fotografiert hat. Es sind etwa 250 aus den Jahren 1868 bis 1942. Die Bestattungen brechen mit Beginn der Deportationen in die Vernichtungslager der Nazis ab.

Siegbert Braun hat die Schriften auf den Grabmalen übersetzt. Er lehrt Neu-Hebräisch an der Volkshochschule, auch Ivrit genannt. Es ist die heute in Israel meist gesprochene Sprache. Im Unterschied dazu gibt es Alt-Hebräisch, die biblische Sprache. „Die Schriften, die wir auf den zwei jüdischen Grabfeldern finden, stellen eine Zwischenstufe dar“, erklärt Wolfgang Schenk.

Die Hebräische Inschrift verschwindet mit der Zeit

Auffällig sei, dass das Hebräische mit der Zeit verschwindet und stattdessen Deutsch verwendet wird. Anfangs finden sich die hebräischen Schriften auf den Vorderseiten der Steine, Stelen und Monumente, die in der Regel in West-Ost-Richtung, nach Jerusalem, zeigen. Ende des 19. Jahrhunderts wechseln sie auf die Rückseite, während die deutschen Schriften die Vorderseite beherrschen.

Für den promovierten Historiker Schenk ist das ein Zeichen dafür, wie sich die jüdischen Bewohner Eisenachs zunehmend an die deutsche Gesellschaft angeglichen haben. Die jüdische Gemeinde sei keine orthodoxe gewesen. Zu ihr gehörten viele Akademiker – Ärzte, Juristen, Bankiers. Schenk spricht vom „etablierten Bürgertum“. Auch Rothschilds waren darunter. „Die Eisenacher Rothschilds waren Viehhändler“, weiß Kristin Heinecke. Berufsbezeichnungen finden sich häufig auf den letzten Ruhestätten.

Holocaust-Gedenkstätte hat Interesse bekundet

Für seine Übersetzungen hat Siegbert Braun jedes Grab mehrfach besucht. Es spricht von einer „speziellen Materie“ und davon, dass er in Dr. Peter Stein von der Friedrich-Schiller-Universität Jena einen Experten gefunden hat, der ihn unterstützt und auch korrigiert. Ziel ist eine Publikation als Beiheft zur Zeitschrift für Thüringer Geschichte. Bei öffentlichen Friedhofsführungen und Vorträgen wollen die Vier ihre Ergebnisse ebenfalls vorstellen. Auch die Internationale Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hat Interesse bekundet. Sofern es Überlebenden des Holocausts gibt, suchen deren Nachfahren möglicherweise nach ihren familiären Wurzeln. Dann sind digital erfasste Daten ein wichtiger Anhaltspunkt.

Zahlreiche Grabmale verwittern bereits

Gleichzeitig sieht die kleine Gruppe ihre Arbeit als Beitrag zur Stadtgeschichte Eisenachs. Kirstin Heinecke weist außerdem auf den kulturhistorischen Aspekt und darauf hin, den jetzigen Zustand für die Nachwelt zu erhalten: „Einiges können wir schon gar nicht mehr lesen.“ Viele Grabmale sind aus Sandstein und verwittert. In zehn Jahren werden noch deutlich weniger Inschriften und Symbole zu entziffern sein.

Im Gegensatz zur christlichen Bestattungskultur haben jüdische Grabstätten keine Ablauffrist. Der Friedhof ist das „Haus der Ewigkeit“. Die Steine, Stelen und Monumente versinken irgendwann mal im Erdreich. Typisch sind Reihengräber, die anhand der chronologischen Reihenfolge der Verstorbenen angelegt worden sind und Erdbestattungen. Aber nach und nach setzten sich auch Familiengräber durch und die Feuerbestattung, weil Eisenach schon sehr früh ein Krematorium hatte. Auch das wird als Zeichen für die Assimilation – also die Angleichung – gewertet.

Viele junge Juden als Freiwillige im Ersten Weltkrieg

Es gibt in Eisenach außerdem zwei Beispiele dafür, dass junge Juden, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind, zwecks Bestattung in ihre Heimatstadt überführt worden sind. Andere Gefallene wiederum werden nur namentlich aufgeführt. Wolfgang Schenk weist darauf hin, dass es in den jüdischen Familien besonders viele junge Männer gegeben hat, die sich als Freiwillige für den Krieg gemeldet haben.

Der erste jüdische Grabstein ist gesetzt worden, noch bevor der Friedhof christlich geweiht worden ist. Am 4. April 1868 wurde Löb Stiebel, ein Wollwarenhändler aus Stadtlengsfeld, bestattet. Eisenach hatte im 19. Jahrhundert zahlreiche Zuwanderer unter anderem aus der Rhön.

Zum Vormerken: Vortrag zu den Inschriften jüdischer Grabsteine am 28. Mai in der Volkshochschule, Führung auf dem Friedhof am 10. September im Rahmen der Achava-Festspiele und Vortrag zum Thema im Geschichtsverein am 6. Oktober.

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