Jazzmeile Thüringen bewegt sich zwischen Tel Aviv, Weimar und Osteuropa

Jena  Weißer Jazz dominiert diese Festival-Dachmarke, unter der aktuell 21 Städte zusammenkommen, mag er mitunter auch schwarze Seelen offenbaren.

„Die Ideen von Bauhaus und Jazz sind sich ja irgendwie ähnlich“, findet Projektleiter Thomas Eckardt von der Landesarbeitsgemeinschaft Jazz.

„Die Ideen von Bauhaus und Jazz sind sich ja irgendwie ähnlich“, findet Projektleiter Thomas Eckardt von der Landesarbeitsgemeinschaft Jazz.

Foto: Alexander Volkmann

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Der Jazz kam von dort, wohin es wenig später das Bauhaus unter anderem trieb, oder vertrieb: die Vereinigten Staaten von Amerika. Kulturhistorisch mag man da von kommunizierenden Röhren reden wollen. Aber diese Zuspitzung trifft nicht wirklich ins Rote, Gelbe und Blaue - und erst recht nichts ins Zentrum der Jazzmeile Thüringen, die ohnehin einen europäischen Fokus hat, nicht zuletzt aus Kostengründen.

Weißer Jazz dominiert diese Festival-Dachmarke, unter der aktuell 21 Städte zusammenkommen, mag er mitunter auch schwarze Seelen offenbaren. Das aber ist nicht gemeint, wenn in diesem Herbst jenes Programm zum Höhepunkt gelangt, das schon seit zwei Jahren, vorausschauend sozusagen, das Bauhaus-Jubiläum anklingen ließ: „White City Jazz“ verweist auf einen anderen Exilort der Bauhäusler, auf Tel Aviv.

Von dort kehrt Pianist Uriel Herman auf die Jazzmeile zurück, auf der er bereits 2017 gastierte. Er trifft am 11. November im „Trafo“ auf die Jenaer Philharmonie unter Generalmusikdirektor Simon Gaudenz und tritt tags darauf mit seinem Quartett in der Weimarer Notenbank auf.

Der israelische, in den Vereinigten Staaten arbeitende Jazzgitarrist Gilad Hekselman spielt mit seinem Trio am 23. Oktober in Jena, Landsmann Ziv Taubenfeld, der inzwischen in Amsterdam beheimatete Bassklarinettist, folgt mit seiner Formation „Full Sin“ am 19. November.

Zwischen Berlin und Toulouse macht am 28. September der israelische Jazzbassist Avishai Cohen im Trio Station in der Weimarhalle. Dort begegnet man den Gewinnern des zweiten „Achava Jazz Award“: dem Quartett des aus Puerto Rico stammenden, derzeit in New York lebenden Saxofonisten Miguel Zenón.

Das steht für eine ressourcenschonende Kooperation, die die Achava-Festspiele und die Jazzmeile eingingen. Das Abschlusskonzert der einen ist am 29. September, ebenfalls Weimarhalle, zugleich das Eröffnungskonzert der anderen. „Klingende Utopien - 100 Jahre Bauhaus“ heißt dieser Abend mit dem Bundesjazzorchester. Dafür wählte man, mit der „Eastman School of Music“ und dem Archiv des George Eastman Museum Rochester (beide USA), „acht mustergültige Filme von Bauhausprotagonisten bzw. mit Bauhausbezug aus der Zeit der 20er- und 30er-Jahre“ aus: von László Moholy-Nagy, Lotte Reiniger und Walter Ruttmann. Dazu haben Ansgar Striepens, Christopher Dell, Gebhard Ullmann, Bill Dobbins, Julia Hülsmann und Niels Klein Jazz komponiert. Zudem ist „White City“ angekündigt: Oliver Schnellers Komposition für Bigband und mit Videoprojektionen zu Tel Aviv.

Festival der Bauhauskapellen

Bundesjazzorchester, Jenaer Philharmonie, Avishai Cohen Trio - diese und andere Formationen mehr leben und spielen auf Thüringens Jazzmeile 2019 gleichsam einen „Bauhauskapellentraum“. Und genau so nennt das Duo Subsystem eine Hommage: Almut Schlichting (Baritonsaxofon) und Sven Hinse (Kontrabass) treten, um musikalische Gäste verstärkt, vom 4. bis 6. Oktober in Erfurt, Nordhausen und Weimar auf.

Von der Bauhauskapelle, die sich um 1923 in Weimar formierte, sind leider keine Tonaufnahmen überliefert. Hervorgegangen aus Festen des Bauhauses, lärmten dessen Schüler wild und fröhlich drauf los: Andor Weininger gründete zunächst ein Quartett, mit Klavier, Teufelsgeige, Trommel und Schlagzeug. Später kamen Flex-a-ton und Lotusflöte hinzu. Die Kapelle spielte, so hat es Lyonel Feiningers Sohn Flux überliefert, zunächst „folkloristisches Zeug“.

Der Fotograf und Maler stieg als Klarinettist erst in Dessau in die Band ein, die sich nun von amerikanischem Jazz leiten ließ. Nicht so in Weimar, wo weder New Orleans noch Improvisation eine schon nennenswerte Rolle spielten, dafür aber Operetten-, böhmische Polka- oder Balkanklänge, ungarische, russische und jüdische Weisen.

Wohl auch, aber nicht nur deshalb findet zeitgenössischer Jazz aus Osteuropa Wege zur Jazzmeile. „Folkloristisches Zeug“ bedeutet dann etwa: rauer rumänischer Soul („Rough Romanian Soul“) der deutsch-exilrumänischen Band ZMEI3 aus Berlin.

Sie erzählt im Mon Ami Weimar und im Café Wagner Jena (6. und 8. Oktober) anhand eines Gebäudes die rumänische Bauhaus-Geschichte, europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts und die Geschichte der eigenen Band. Es geht um das Mehrfamilienhaus, das Johann Georg Mayer alias „Ioan Gheorghe Mayer“ 1937 in Bukarest im Bauhaus-Stil baute, so wie das „Scala“-Gebäude, das er mit Rudolf Fraenkel entwarf.

„Konfisziert vom kommunistischen Regime, zurückgewonnen in epischen juristischen Kämpfen nach 1990 und nun wiederbelebt von den Erben des Architekten aus Berlin, hat dieses Haus alle Wandel der rumänischen Gesellschaft miterlebt“, heißt es von ZMEI3. Die Musik der Band erforsche „in einer dem Bauhaus ähnlichen experimentellen Haltung das unbewusste kollektive Bewusstsein des post-kommunistischen Kampfes in Rumänien.“

Die Breslauer Werkbundsiedlung von 1929 rückt derweil in den Fokus, wenn das Musikprojekt „Eklektik Session Orchestra“ (Wroclaw/New York) am 23. November in den Jenaer Kulturbahnhof kommt.

Die „Musikmanufactur“ von Frieder W. Bergner und Silke Gonska tourt unterdessen mit der musikalisch-dokumentarischen „Bauhaus-Revue“, die bereits als Hörbuch erschien, über die Jazzmeile. Station machen sie in Eisenach, Nordhausen und Friedrichsrode. Zudem sind Bergner und Gonska beteiligt, wenn die Jazzmeile am 3. Oktober bei Radio Lotte in Weimar eine lange Bauhausnacht feiert, unter anderem mit dem Jazzmusiker Jan Klare sowie den Musikjournalisten Wolf Kampmann und Wolfgang König.

„Die Ideen von Bauhaus und Jazz sind sich ja irgendwie ähnlich“, findet Projektleiter Thomas Eckardt von der Landesarbeitsgemeinschaft Jazz. „Es gibt viele Schnittmengen!“ So lautet die kulturhistorisch-zeitgenössische Ansage, die gewiss auch fördergeldkonform wirken soll.

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