Liebesbriefe und Gewissensfragen

Eisenach.  Am Landestheater Eisenach lauscht man ergreifenenden Briefen der Nazi-Gegnerin Sophie Scholl und Programmen von Schülern zu Mauerfall und Demokratie.

Friederike Fink (als Sophie Scholl) und Michael Johannes Mayer als ihr Verlobter Fritz Hartnagel, die sich ineinander verliebten und der Hitler-Tyrannei entgegen stellten – Sophie Scholl sehr viel entschlossener als Fritz, der Offizier.

Friederike Fink (als Sophie Scholl) und Michael Johannes Mayer als ihr Verlobter Fritz Hartnagel, die sich ineinander verliebten und der Hitler-Tyrannei entgegen stellten – Sophie Scholl sehr viel entschlossener als Fritz, der Offizier.

Foto: Inka Lotz / Theater Eisenach

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Den 9. November in zwei Stunden umfassend zu behandeln, ist unmöglich, ebenso wenig wie die Demokratie. Und doch ist es am Landestheater Eisenach mit dem „Abend für die Demokratie“ gelungen, sowohl das schicksalsträchtige Datum als auch das bedeutende Thema zumindest schlaglichtartig zu beleuchten.

Wie oft im Leben liegen Freud und Leid nah beieinander, und so beginnt der Abend mit einem Beitrag zur Pogromnacht am 9. November 1938. Die Lesung „Damit wir uns nicht verlieren“ wurde dafür ausgewählt - Friederike Fink und Michael J. Mayer vom Jungen Schauspielensemble lassen darin die Träume und Wünsche von Sophie Scholl und Fritz Hartnagel anhand deren Briefwechsel lebendig werden.

Im Anschluss geht es um den 9. November 1989 mit dem Theaterprojekt „Demokratie - 30 Jahre Wende“. Schüler und Schülerinnen der Regelschule Treffurt haben in Kooperation mit dem Grenzmuseum Schifflersgrund Zeitzeugen zum Mauerfall befragt und die Antworten in einer Performance zusammengestellt. Sie jubeln nach der Schabowski-Rede, durchbrechen die Mauer, kaufen sich Walkman und Stiefeletten vom Begrüßungsgeld in West-Mark und fragen zum Schluss „Sind wir das Volk?“ - eine eindrucks- und spannungsvolle Geschichtslektion, wenngleich solch ein kurzer Abriss nur plakativ bleiben kann.

Schüler und Schülerinnen der Goetheschule Eisenach schlagen mit ihrem Programm „Du bist anders“ den Bogen zur Jetzt-Zeit, indem sie Gewalt gegen andere wie Behinderte, Homosexuelle und Migranten auf bewegende und eindrückliche Weise thematisieren, endend im Satz „Wir sind alle anders“.

Für alle drei Beiträge gibt es heftigen Beifall, vereinzelt sogar Bravo-Rufe, und im Anschluss wird das Thema in einer Diskussionsrunde mit der SPD-Politikerin und Thüringer Staatssekretärin Babette Winter, dem Theologen Sebastian Kranich, dem Eisenach Ballett-Chef Andris Plucis, Theater-Vertreterin Christine Hofer und Schülerinnen beleuchtet.

Die wichtigen deutschen Daten des 9. November könnten nicht getrennt betrachtet werden, sagt Christine Hofer, „wir müssen alles in der Gesamtheit sehen“. Sie sieht die Münchener Widerstandskämpferin gegen die Nazi-Diktatur Sophie Scholl als Vorbild und erinnert an die Menschen, die auch heute Gesellschaft aktiv mitgestalten wie Greta Thunberg. Was Demokratie ist, beantwortet Babette Winter mit: „Wenn jeder mitreden und frei gestalten kann, und wenn es gerecht zugeht.“ Und: „Die beste Staatsform, um allen Menschen in ihrer Vielfalt gerecht zu werden, aber damit auch die anstrengendste – ein permanentes Aushandeln und Kompromisse finden ist nötig.“

Eine wichtige Botschaft des 9. Novembers sieht Babette Winter darin, dass sich Verhältnisse umkehren können – im positiven wie im negativen Sinne. Als „Prozess der Befreiung“ empfand Sebastian Kranich die Zeit im Herbst 1989, nur „Schritt für Schritt“ sei der Weg dahin möglich gewesen. Andris Plucis warnt vor einer deutschen Nabelschau. „Das eigentliche Friedensprojekt ist die Europäische Union“ – und er wünscht sich eine „Gesellschaft der Vielfalt, in der jeder so sein kann wie er will“. Plucis kann es kaum fassen, dass angesichts Umfragen, wonach der Glücksfaktor für die Deutschen noch nie so hoch war, „so viele Menschen eine faschistoide Partei wählen“.

Als Grund für die hohe Frustration vermutet Thomas Staemmler aus dem Publikum fehlenden Respekt vor den DDR-Biografien, und Kranich warnt davor, vom Kollektiv zu sprechen, statt die Individualität jedes Einzelnen zu würdigen sowie Ost- und Westdeutsche gegeneinander auszuspielen. Für die Pluralität und Diversität der Gesellschaft wirbt Plucis, und er stellt klar: „Es gibt keine schnellen Lösungen.“ Christine Hofer erhält viel Beifall für die Feststellung, dass „Demokratie unser höchstes Gut ist“. Und Beifall gibt es auch für den Satz: „Demokratie sollte keine Gesellschaftsform sondern eine Lebensform sein.“

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