Mit Gott über Mauern

Von Susanne-Maria Breustedt Anfang der 80er Jahre. Die Junge Gemeinde trifft sich. Wer holt den Kasten Bier? Karo oder F 6 bringt jeder selbst mit und natürlich die Fragen, die die Lehrlinge ...

Susanne-Maria Breustedt ist Pastorin in Creuzburg.

Susanne-Maria Breustedt ist Pastorin in Creuzburg.

Foto: Susanne Breustedt

Anfang der 80er Jahre. Die Junge Gemeinde trifft sich. Wer holt den Kasten Bier? Karo oder F 6 bringt jeder selbst mit und natürlich die Fragen, die die Lehrlinge und Abiturienten bewegen.

Was soll aus der Welt, aus unserem Land, aus unseren eigenen Biografien werden? Wer kann ein Buch von Sartre besorgen oder von Camus? Ist der Sozialismus reformierbar? Muss ich wirklich Soldat in der NVA werden, und wenn ja, wie lange? Wie kriege ich meinen Studienplatz, wie weit bin ich bereit, mich von staatlichen Vorgaben unterkriegen zu lassen?

Manchmal, eher geflüstert: Ist die Stasi auch unter uns?

Nein, diese Frage wird nicht weiter zugelassen, denn wir sind keine konspirative Versammlung und das, was wir hier sagen, können wir auch öffentlich vertreten. Bald ist der ganze Raum verräuchert (die armen Nichtraucher). Die Gedanken und das Erwachsenwerden brauchen offenbar Unterstützung. Wir hören zu, fragen nach unserer Rolle als Christen in der Diktatur des Proletariats. An einem Abend sagte der Diakon: Lasst uns über diesen Psalm sprechen und was er uns sagen kann: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“. (Ps 18,30)

Das wäre schön, wenn wir das könnten, war die erste Reaktion, aber…

Im Gespräch dann entwickelte dieser Vers seine Kraft, die Begeisterung sprang über, Ideen wurden geboren, wie wir – dem braven Soldaten Schwejk ähnlich – Mauern mit Humor überwinden können.

Das waren kleine Glücksmomente, in denen wir spürten, dass der Glaube tatsächlich frei machen kann und die Kraft gibt, sogar über parteipolitische Mauern zu springen.

An anderen Abenden lagen die Zukunftsängste schwer im Raum, der Rauch wurde dichter und verhüllte die Traurigkeit oder gar die Verzweiflung in den Gesichtern. Der Vers klang nach und wurde zu einer inneren Stimme, die lauter wurde, umso größer die Traurigkeit war. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“.

Die Friedensgebete begannen, Schwerter zu Pflugscharen hieß das christliche Programm gegen die offizielle Friedenspolitik der DDR. Ausbildung, Armeezeit und Studium haben die Mitglieder der Jungen Gemeinde an verschiedene Orte geweht. 1989 hat sich vielleicht der eine oder die andere an das Psalmwort erinnert: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“

Plötzlich war es zum Dankpsalm dafür geworden, dass sich durch den Glauben und die Gebete eine Gesellschaft friedlich verändern kann.

30 Jahre später höre ich es wieder als Dank für alle Möglichkeiten, die Gott uns geschenkt hat, unsere Gesellschaft mitzugestalten. In der Friedensdekade wollen wir dafür danken und Gott bitten, dass er mit uns die Mauern überspringt, die wir heute unter uns bauen.

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