„Ohne Hass- und Rachegefühle auf allen Seiten“

Eisenach.  Dritter Teil der Serie „Ein Arzt wird Revolutionär“: Wie Gerhard-Friedrich Hasse ein bedeutender Protagonist der Wende in Eisenach wurde.

Protest im Dezember 1989 gegen Aktenverbrennung durch die SED-Kreisleitung in Eisenach.

Protest im Dezember 1989 gegen Aktenverbrennung durch die SED-Kreisleitung in Eisenach.

Foto: Ulrich Kneise / Eisenach/Stadtarchiv

Im Herbst 1989 war keineswegs entschieden, ob die Revolution gelingen oder ob sie in Blut erstickt werden würde. Der Leiter des Volkspolizeiamtes bezeichnete die Lage in Eisenach als „absolut ernst“. Er entschied sich jedoch, jede Konfrontation mit der Opposition, als deren Wortführer er den Arzt Gerhard Friedrich Hasse, Bischof Werner Leich, den Creuzburger Jugendpfarrer Ralf-Uwe Beck und Journalistin Margot Friedrich bezeichnete, zu vermeiden. Wenn es aber um die Frage der Macht gehe, wenn die Staatsmacht angegriffen würde, werde er die Kampfgruppe einsetzen.

Die Kreisdienststelle der Stasi sah in Hasse den „geistigen Urheber zahlreicher Aktivitäten des ,Demokratischen Aufbruchs’“, der „eine Schlüsselposition in den oppositionellen Initiativen“ einnahm.

Mehr und mehr Vereinigung der Länder gewünscht

Der Personenkreis um Dr. Hasse, hieß es in einem Lagebericht der Stasi, ist „gewillt ... eine Opposition mit legalen Strukturen zu erzwingen und die führende Rolle der SED zunehmend einzuengen bzw. in Zweifel zu stellen“.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 bejubelten die Menschen in der DDR die Öffnung der Mauer, die von einer kraftvollen Volksbewegung erzwungen worden war. Mehr und mehr gewannen diejenigen an Einfluss, die eine Vereinigung mit der Bundesrepublik wünschten, schien ihnen doch einzig dieser Schritt die Chance zu eröffnen, ihre Lebensverhältnisse zu verbessern und die Menschenrechte zu erlangen, die ihnen von der SED vorenthalten wurden. Die anhaltende Massenflucht aus der DDR, ebenso der Niedergang des Wirtschaftslebens trieben den Vereinigungsprozess voran.

Am 19. November demonstrierten in Eisenach annähernd 8000 Menschen. Sie verlangten sowohl, der Herrschaft der SED ein Ende zu setzen, als auch die Einheit Deutschlands wiederherzustellen. Als Landesbischof Leich am 27. November im Verlauf des Friedensgebetes in der Georgenkirche die Wiedervereinigung forderte, erntete er viel Beifall.

Am 4. Dezember besetzte das Bürgerkomitee mit Hasse an der Spitze die im Volk verhasste Kreisdienststelle der Stasi an der Kurstraße, womit die Zerschlagung des Staatssicherheitsapparates auch in Eisenach eingeleitet wurde.

Das Bürgerkomitee versiegelte mehrere Räume, um Beweise sicherzustellen, und es stellte vor dem Haus Wachen auf. Zwei Tage danach entwaffnete die „Initiativgruppe Ärzte“ die Kampfgruppen in Eisenach-Nord. Hasse tat sich am 8. Dezember von neuem hervor, als die Kreisdienststelle der Stasi geräumt wurde. Sein Bild mit den beschlagnahmten Maschinenpistolen auf dem Arm ging durch die Presse. „Es war gerade niemand da“, erzählte er später, „da habe ich das Zeug eben selber rausgetragen.“

Am 11. Dezember schien die friedliche Revolution in Eisenach auf das Äußerste gefährdet, als mehrere tausend Menschen das Erholungsheim der SED in Wilhelmsthal voller Wut auf die Partei umstellten und zu Hunderten in das Gebäude eindrangen.

Kraft seiner Autorität gelang es Hasse, die Menschen – die der im Erholungsheim gepflegte Luxus seit langem erzürnt hatte – davon abzuhalten, mit Gewalt gegen die Funktionäre, die sich in dem Heim aufhielten, vorzugehen und das Gebäude zu plündern. Hasse verurteilte die Ausschreitungen und mahnte, „ohne Hass- und Rachegefühle auf allen Seiten“ das gesellschaftliche Umfeld zu gestalten. Es gelte alles zu tun, „unsere bisher friedliche Revolution nicht aus der Kontrolle geraten“ zu lassen.

Zur Serie und zum Autor

In einer kleinen Serie erinnern wir an das Wirken des Arztes Gerhard Friedrich Hasse vor und während der friedlichen Revolution in der DDR 1989. Der Eisenacher Mediziner war ein entscheidender Protagonist der Opposition in der Wartburgstadt, aber auch darüber hinaus. Wir gehen zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit der Frage nach, was brachte Hasse dazu, vom Arzt zum Revolutionär zu werden.

Unser Autor Bernd Jeschonnek, Historiker von Beruf, lebt seit 1997 in Eisenach. Nachdem Gerhard Friedrich Hasse 2001 verstorben war, übergab seine Witwe den Nachlass ihres Mannes an Jeschonnek, der ihn sichtete und dem Eisenacher Stadtarchiv übergab. Der Nachlass liegt diesem Artikel zugrunde.