Steinerne Zeugnisse auf dem Kindel lassen Betrachter fragend zurück

Behringen.  Betonreste zeugen von der einstigen Bebauung auf dem vormaligen Truppenübungsplatz Kindel. Wem und was sie diente, erfährt der neugierige Passant nicht. Das könnte sich ändern.

Eine Treppe und Mauerreste in einem Waldstück am Nessetalradweg auf dem Kindel zeugen von der Bebauung auf dem einstigen Truppenübungsplatz.

Eine Treppe und Mauerreste in einem Waldstück am Nessetalradweg auf dem Kindel zeugen von der Bebauung auf dem einstigen Truppenübungsplatz.

Foto: Jensen Zlotowicz

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

„Das ist der Bunker“, meint ein Gassi-Gänger auf die Frage, was die Betonfragmente im Wald am Nessetalradweg auf dem Kindel unweit des Fahrsicherheitszentrums gewesen sein mögen. Zahlreiche Fundamente und Betonreste weisen in diesem Areal auf eine ehemalige Bebauung hing. Welcher und wessen „Bunker“ das war, kann der Mann nicht sagen. Ein anderer Hunde-Spaziergänger aus Wolfsbehringen weiß, dass diese Betonreste zu den Gebäuden gehörten, die die DDR-Fluggesellschaft Interflug nutzte, als zwischen 1959 und 1961 vom Kindel aus Urlauber etwa auf Rügen geflogen wurden.

Damals wurde der Erfurter Flughafen gerade gebaut und der militärisch genutzte Kindel mit seiner Landebahn bot sich als alternativer Flugplatz an. Stimmt, bestätigt Wolfsbehringens Ortschronist Joachim Goldmaier (70). Leider gibt keine Infotafel oder ähnliches, die Auskunft über die einstige Bebauung und Nutzung gibt.

In Behringen selbst wissen nur noch wenige, wozu die steinernen Fragmente im Wald am Radweg tatsächlich gehörten. Erzählt wird viel – von Wochenendhäusern privilegierter Behringer bis hin zum Tanklager. Das eine ist Nonsens, und das Tanklager befand sich weiter westlich an der Rampe, der Endstation der 1954 in Betrieb genommenen Kindelbahn, die aus Friedrichswerth heranrollte. Das und mehr gerät in Vergessenheit. Statt dessen gedeihen Spekulationen und Halbwahrheiten.

Im Buch nur spärliche Informationen über die Historie des Kindels

In seinem Buch „Behringen von 1920 bis 1945“ notiert der verstorbene Ortschronist Günter Groth über den Kindel, früher auch Künkel genannt, ganze neun Zeilen. Es steht zu lesen, dass das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach das Areal auf der nördlichen Höhe vor Eisenach 1871/72 als Militärübungsgelände nutzte, die Firma Gebrüder Thiel aus Ruhla dort im Zweiten Weltkrieg einen Versuchsplatz für ihre Zünder für Granaten und Bomben betrieb und dass der Künkel zwischen Bad Langensalza und Eisenach schon von Karl dem Großen in den Kriegen gegen die Sachsen für Feldlager genutzt worden sei. Dass das Areal nach 1945 bis 1994 vom sowjetischen Militär als Übungsplatz genutzt wurde, ist allgemein bekannt.

Seit dem Tod von Günter Groth hat Behringen keinen Ortschronisten. Der junge und geschichtsinteressierte Thomas Marschner sowie einige Mitstreiter im Heimatverein versuchen, Groths Arbeit fortzusetzen, was eher schlecht als recht gelingt, wie Marschner gesteht. Die Arbeit im Archiv ist fast eingeschlafen. Zum Kindel selbst finden sich im Ortsarchiv im Heimatmuseum kaum ältere Dokumente. Das wenige Material wirft bei Marschner mehr Fragen auf, als es Antworten bietet.

Wolfsbehringens Ortschronist Joachim Goldmaier fördert eine Idee

Mehr zum Thema hat Joachim Goldmaier aus Wolfsbehringen parat. Mit dem Behringer Heimatverein hat er aber nichts am Hut. Jeder kocht sein eigenes Süppchen. Da der Kindel näher an Wolfsbehringen liegt, hat Goldmaier mehr Zugang zur Geschichte. Seit längerem schwebt ihm vor, am Nessetalradweg Informationstafeln mit Hinweisen zur Geschichte des über Jahrzehnte vor allem als Militärgelände mit der Kindelbahn genutzten Areals aufzustellen. Den Radweg würden diese Tafeln touristisch aufwerten. Als der Kindel vor 25 Jahren eine zivile Nutzung erfuhr, als das Industriegebiet und der zivile Verkehrslandeplatz entstanden und sämtliche (militärische) Bauwerke dem Erdboden gleich gemacht wurden, dachte niemand daran, gewisse Dinge für die Nachwelt festzuhalten, quasi zu beschriften. So stellen sich Neugierige heute die Frage, warum in einer weitläufigen Betonbodenplatte mitten in der Pampa nicht nur zwei Gruben existieren, in die längst Müll entsorgt wurde, sondern einige Stellen sogar gefliest sind.

Der Nessetalradweg tangiert den Kindel und Wolfsbehringen direkt. Dort also würden Informationen aus touristischer Sicht auf fruchtbaren Boden stoßen. Es gibt noch einige historische Fotos der im Zuge der militärischen Nutzung entstandenen Bebauung auf dem Kindel. Den heutigen Fragmenten zuordnen lassen sie sich jedoch nur schwer. Die Gebäude, zu den zwei große Treppen gehörten und die laut Goldmaier als Lagerhäuser für den zivilen Flugplatz-Betrieb und später von der LPG genutzt wurden, könnten auch schon im Zuge des Baus des Militärbahnhofes errichtet worden sein.

Eines der wenigen historischen Dokumente zum Kindel im Fundus des Heimatvereins Behringen zeigt übrigens das ehemalige Vorwerk, das die Gutsbesitzerfamilie von Ütterodt Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts errichten ließ. Es wurde bei einem gigantischen Sturm Anfang der 1930er-Jahre stark zerstört, berichtete die Zeitung. Danach wurde es nicht wieder aufgebaut und verfiel. Heute gibt es von diesem kirchenartigen Gebäude im Eichenwald an der Bundesstraße 84 keine Spur mehr.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren