Umgang mit dem Ausnahmezustand in Eisenach

Sechs Menschen aus der Region Eisenach erzählen vom Alltag und kreativen Ideen, wie sie die Corona-Krise bewältigen.

Blick in die fast menschenleere Eisenacher Karlstraße zur besten Hauptgeschäftszeit. Viele Geschäfte mussten schließen.

Blick in die fast menschenleere Eisenacher Karlstraße zur besten Hauptgeschäftszeit. Viele Geschäfte mussten schließen.

Foto: Norman Meißner

Stephan Rumphorst, freiberuflicher Schauspieler, Regisseur und Dramaturg: Er macht im Moment all das, was in den letzten Wochen liegengeblieben ist: Die Steuererklärung und Aufräumen, Recherche für Theaterstücke, die er schon länger schreiben will, und er baut Puppen für eine Theaterproduktion. „Jetzt bietet sich die Zeit, da ich plötzlich Ruhe habe. Ich gehe aber auch in der Natur spazieren, um Kraft zu tanken. Viel Zeit verbringe ich mit Freunden am Telefon, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich als freiberuflicher Künstler. Wir suchen gemeinsam nach Möglichkeiten, mit dieser Krise umzugehen“, erzählt Rumphorst.Alle aktuellen Infos im kostenlosen Corona-Liveblog

Dabei sei es nur wenige Tage her, dass der „Ausnahmezustand“ ausgerufen wurde, sagt er. Schon werde sichtbar, wie fragil alles sei. Dennoch sei seine eigene Stimmung gut, trotz des Chaos, das gerade um ihm herum ausbreche. Doch es gibt etwas, was ihn traurig macht: „Leider sehe ich in den sozialen Netzwerken von Eisenach so viel Hetze gegen dieses und jenes. Sollte nicht gerade jetzt Zusammenhalt und Unterstützung an erster Stelle stehen?“

Christian Gieß ist ein Selbstständiger aus Eisenach: Er ist Taxi-Unternehmer, betreibt einen Abrechnungsservice für Taxis und arbeitet in der Gastronomie. Gleich mit Beginn der Corona-Krise hat der 32-Jährige überlegt: „Wie können wir uns hier am Ort den bedrohlichen Folgen entgegenstellen?“ Christian Gieß hat deshalb eine Facebook-Gruppe gegründet. „Wir müssen lokal und regional handeln und einkaufen“, findet der junge Mann.

In der Gruppe sollen sich kleinere Händler und Gewerbetreibende untereinander und mit den Kunden aus der Region vernetzen. Wer hat in Zeiten der Krise wie geöffnet, welche Angebote gibt es, wie sieht es mit Lieferung aus, wer kann womit helfen? All diese Fragen können dort von Händler zu Händler, von Kunde zu Händler besprochen werden. Gieß: „Damit nicht alle nur noch im Netz einkaufen. Nach der Krise sollen die jetzt bedrohten kleinen Unternehmer mit ihren Angeboten weiter am Start sein.“ Die Facebook-Gruppe mit ihren bereits über 300 Mitgliedern heißt: Regionale Händler & Dienstleister Gruppe. Kauft bei uns in der Krise!

Fabian Harseim aus Behringen ist stellvertretender Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Hörselberg-Hainich:

Er kommt derzeit mit den meisten seiner Kollegen nur noch bei echten Einsätzen in Kontakt, zuletzt bei dem schweren Verkehrsunfall diese Woche zwischen Behringen und Eisenach. Da sich die Verantwortlichen der Jugendfeuerwehr ansonsten aber laut Erlass des Landkreises nicht treffen können, lud Fabian Harseim jetzt alle Vertreter der Jugendfeuerwehren der Großgemeinde zu einer Videositzung ein. Schließlich muss auch für die Zeit nach dem Corona-Virus weiter geplant werden, vor allem für Veranstaltungen, die die Jugendfeuerwehr betreffen.

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Per E-Mail verschickte der Behringer Anleitung und Einladung zur Teamsitzung. Und tatsächlich saßen wenig später sieben Feuerwehr-Kameraden vor den Computern und Laptops. Hat super geklappt, hieß es danach. Auch wenn das Netz mal nicht stabil war oder jemand kleinere Anlaufschwierigkeiten hatte. So gut, dass durchaus eine Wiederholung der Videoschalte nicht ausgeschlossen wird.

Michael Beyer aus Eisenach serviert Essen im Glas, ohne künstliche Zusätze, nachhaltig und 21 Tage haltbar: Das tut er schon eine Weile. Doch jetzt hat der Inhaber der Manufaktur Glasmahl mit Ehefrau Janine und einem Mitstreiter neben der üblichen Erwachsenen- eine Kinderportion kreiert, die er mit seinem Lieferservice bis an die Haustür bringt.

Eigentlich hatte er Gläser mit Essen übrig, weil ein Auftragnehmer seine Seminarverpflegung stornierte. Dann war die Lösung gefunden. Da immer mehr Eltern im Homeoffice arbeiten und gleichzeitig ihre Kinder versorgen müssen, bietet er ab sofort die kleinere Glas-Größe als Kinderportion an. So gibt es etwa Nudeln mit Hackbällchen und Tomatensauce jetzt auch für kleine Mägen. Michael Beyer erzählt, dass diese Woche eine Frau aus Erfurt anrief. Eigentlich fährt er aus Gründen der Nachhaltigkeit nicht nur wegen zwei Portionen so weit durchs Land. Er schlug ihr vor, dass sie weitere Abnehmer sucht, dann würde er liefern. Das hat geklappt. So hat er neue Aufträge. „Wir haben selbst Kinder und wissen, wie es Eltern jetzt geht", sagt Michael Beyer.

Für Silvia Rost aus Ruhla stand der Alltag plötzlich Kopf: Für zwei Wochen hatte die Ruhlaerin vor gut drei Wochen ihren Laden Landstreichers Kostbarkeiten und ihr kleines Café gegenüber geschlossen, weil sie mit ihrem Mann im Urlaub war – in Griechenland. Dann schloss ihr Hotel wegen des Corona-Virus; sie mussten vorfristig heimkehren.

Laden und Café hat Rost seitdem nicht mehr geöffnet. Sie und ihr Mann haben derzeit keine Einnahmen, müssen so klarkommen, organisieren um. Der Alltag ist anders, sagt die Ruhlaerin. Wer will, kann Waren aus dem Ladengeschäft bestellen. Im Umkreis von zehn Kilometern werden sie geliefert, ansonsten per Post verschickt. Rost, die vor allem regionale Produkte vom Honig über Wurst bis zum Öl vertreibt, hat bereits die ersten Anfragen. Wer will, dem backt sie auch Kuchen. Schon ab einem halben Kuchen liefere sie in der Umgebung bis zur Haustür unter Einhaltung der Vorsichtsmaßnahmen. Gerade pflegt Silvia Rost noch mehr Waren auf der Internetseite ihres Ladens ein. Einen Onlineshop hat sie aber bislang nicht geplant.

Richard Karsten ist in Eisenach geboren und hatte mit Frau Rahel und weiteren Mitstreiterinnen eine super Idee: Er hat eine Internetseite www.lasshelfen.de entwickelt, auf der man Vorlagen für Hilfen findet, die man einfach herunterladen und drucken kann. Man trägt seine Kontaktdaten ein und hängt das jeweilige Blatt in den Hausflur. Es sind die alltäglichen Dinge, die gerade zur Herausforderung werden – einkaufen, Medikamente abholen oder mit dem Hund Gassi gehen.

„Sei ein Held in deiner Nachbarschaft!“, fordert die Seite Leute zum Aktivsein auf. Doch der Eisenacher, der jetzt in Halle lebt und gerade seine Abschlussarbeit in Volkswirtschaftslehre beendete, hat letztlich ein Rund-um-Paket für alle entwickelt, die helfen wollen. Sogar ein Formular für eine Medikamentenvollmacht ist auf der Seite hinterlegt. Das Echo ist bislang absolut positiv. Eigene Fotos von Nachahmern helfen, das Angebot weiter zu verbreiten. Ein wahres Gemeinschaftsprojekt, schwärmt Richard Karsten. Auch er selbst hat einen Aushang in seinem Hausflur aufgehängt. Ein Nachbar hat sich schon durchs Hoffenster bedankt.