Als ein Fernseher noch ein halbes Jahresgehalt kostete

Riethnordhausen.  Reinlinde Spiegler hat seit Ende der 1960er-Jahre alle Rechnungen und Quittungen in Aktenordnern konserviert.

Reinlinde Spieglers Sammlung zeigt, dass Geld einst nicht alles war, dass schon für die Anschaffung eines simplen Radios mitunter Organisationstalent, Geduld und Beziehungen gefragt waren.

Reinlinde Spieglers Sammlung zeigt, dass Geld einst nicht alles war, dass schon für die Anschaffung eines simplen Radios mitunter Organisationstalent, Geduld und Beziehungen gefragt waren.

Foto: Hartmut Schwarz

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An den Beträgen gemessen, die für jedes Exemplar gezahlt wurden, war es ein sehr kostspieliges Hobby, dessen sich Reinlinde Spiegler jetzt bewusst wurde. Eigentlich sei es auch kein Hobby gewesen, die Sammlung hat sich so ergeben – mehrere Hefter voller Quittungen, die sich seit Ende der 1960er-Jahre angesammelt haben. Als Rentnerin hatte sie jetzt Zeit, die Bestände in ihrem Haus in Riethnordhausen zu sichten und war selbst mehr als erstaunt. Denn gelocht und abgeheftet wurde von ihr alles, wofür irgendwie Geld ausgegeben wurde. Längst vergessene Wertvorstellungen und Preisgestaltungen wurden von ihr damit unbewusst für die Nachwelt bewahrt, aus einer Zeit, die heute nur noch im Geschichtsunterricht Beachtung findet. Das Spektrum reicht von Hausschlachtungen über die Kosten der Müllgebühren und Handwerkerleistungen bis zur Anschaffung elektrischer Haushaltsgeräte.

Und immer wieder kommen dabei einstige Alltagsartikel zum Vorschein, die allein schon genug Stoff für eine Geschichte liefern. Zum Beispiel „Schwefelstäbchen“ – kennt heute keiner mehr. Sie wurden genutzt, damit die Thüringer Klöße nicht grau werden, ihre gelbe Farbe behalten. Und dann wäre da noch die WM 66, die meistverkaufte Waschmaschine der DDR-Haushaltsgeräteproduktion. Die Rechnung von Reinlinde Spiegler ist mit dem Jahr 1982 datiert – und sie läuft heute noch, erklärt sie. Ebenso, wie ihr kleiner Bruder, die Schleuder TS 66 – lediglich der „Schwimmring“, der als Unterlage mitgeliefert wurde, sei inzwischen kaputt. Längst kaputt sind allerdings die Fernseher, die zu DDR-Zeiten einmal angeschafft wurden. Darunter das Glanzstück der DDR-Unterhaltungselektronik, ein Colorlux 4010. Ein halbes Jahr hatte man einst arbeiten müssen, um die etwa 4200 DDR-Mark dafür auf den Tisch legen zu können. Wenn man das Glück hatte, nicht zu weit hinten in der Schlange zu stehen…

Eigentlich sollte es genügen, Quittungen etwa zehn Jahre aufzubewahren. Dass sie diesen Zeitrahmen überschritten hat, habe sich aber gerechnet – als es etwas nachzuweisen galt, dass eine gefühlte Ewigkeit zurücklag. Deshalb sortiert Reinlinde Spiegler weiter konsequent ihre Quittungen ein. Lediglich die Jahre 1990/91 habe sie nicht dokumentiert – für die Wirren der Wendezeit gibt es leider keine Beweise. Den Rest ihrer Sammlung würde sie allerdings gern zur Verfügung stellen. Vielleicht für eine Geschichtsaufarbeitung oder für eine Studienarbeit. Zu jeder Quittung gibt es meist noch die Bedienungsleitung dazu, mitunter auch den einst notwendigen Schriftverkehr, der zur Geschäftsabwicklung gehörte. Diese gesammelte Zeitreise zurück in die DDR-Preisgestaltung ist es auf jeden Fall wert, erhalten zu bleiben.

Info: re-spiegler@t-online.de

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