Dem Rad in die Speichen greifen

Wort zur Wochenwende von Jürgen Friedrich, Kirchenrat und Pfarrer in Rente aus Arnstadt

In unseren Gottesdiensten singen wir oft das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Der Text wurde von dem Theologen Dietrich Bonhoeffer, wahrscheinlich zur Jahreswende 1944/45, im KZ Flossenbürg, geschrieben.

Wer war Dietrich Bonhoeffer? Er wurde 1906 in Berlin geboren. Nach seinem Theologiestudium betreute er verschiedene deutsche Auslandsgemeinden. Er war danach als Studentenpfarrer in Berlin tätig. Ab 1935 leitete er das Predigerseminar der Bekennenden Kirche. Bonhoeffer begriff es als seine christliche Pflicht, gegen Ausgrenzung, Massenmord und Verfolgung Andersdenkender die Stimme zu erheben. Die Nationalsozialisten sahen in ihm schon bald einen gefährlichen Gegner. Die Folge war Berufs-, Rede- und Schreibverbot.

1943 wurde Dietrich Bonhoeffer in Berlin inhaftiert. Vom KZ Buchenwald kam er schließlich ins KZ Flossenbürg. Am 9. April 1945, die Geschütze der amerikanischen Befreier waren schon zu hören, wurde er erhängt.

Am 20. Juli 1944 versuchte der Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Hitler mit einem Attentat zu töten. Stauffenberg kam aus dem „Kreisauer Kreis“, einer Gruppe des bürgerlichen Widerstandes von Sozialdemokraten, Konservativen, Militärs und Sympathisanten, wie Dietrich Bonhoeffer. Gegen die Anwendung von Gewalt hatte Bonhoeffer aufgrund seiner christlichen Überzeugung Bedenken. Aber im äußersten Notfall muss man „dem Rad in die Speichen greifen“, um weiteres Morden zu verhindern. Das Attentat misslang. Die Rache war furchtbar und maßlos; Erschießungen noch in der Nacht des 20. Juli, Folter und Tod durch den Strang, „Sippenhaft“ für die Familien der Attentäter.

Der 20 . Juli 1944 liegt 75 Jahre zurück. Doch das Wort Bonhoeffers vom „ Eingreifen in die Speichen des Rades“ kann uns heute in ganz anderer Weise treffen; wenn wir an die tiefgreifende Beschädigung unserer Umwelt denken, wenn wir die Legitimation von Gewalt als Mittel der Politik erleben oder einen erneuten Antisemitismus. Wer gebietet Einhalt?

Dietrich Bonhoeffer sagt in seinem Lied: Noch will das Alte unsre Herzen quälen. Noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Sein mutiger Glaube in dunkelster Zeit sollte immer einen Platz in unserem Gedächtnis haben.

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