Wissenschaftsteam untersucht im ehemaligen Corona-Dorf Neustadt

Neustadt.  925 Einwohner von Neustadt am Rennsteig können sich freiwillig für eine Studie des Universitätsklinikums Jena zur Corona-Ausbreitung testen lassen.

Bernd Hofmann lässt sich von Assistenzärztin Aurelia Kimming Blut abnehmen.

Bernd Hofmann lässt sich von Assistenzärztin Aurelia Kimming Blut abnehmen.

Foto: André Heß

Andrea Stamprecht sucht an diesem Donnerstag vor dem Nahkauf mit ihrer Mutter Pflanzen aus. Der Einkaufsmarkt war während der Quarantäne-Zeit vom 22. März bis 6. April das Zentrum der Versorgung für die eingeschlossenen Neustädter. Zu dem drastischen Schritt entschloss sich Landrätin Petra Enders (Linke), nachdem sechs von elf Corona-Fällen im Landkreis dort aufgetreten und hierfür 141 Kontaktpersonen durch das Gesundheitsamt ermittelt worden waren. Nachdem 865 Abstriche von den Bürgern gemacht worden waren, wurden insgesamt 49 Infizierte in Neustadt festgestellt. Zwei Menschen verstarben. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenfreien Corona-Liveblog

„Aus der Krise wollen wir lernen“, sagte Enders bei der Vorstellung der viertägigen Untersuchungen für eine Studie, mit der das Institut für Infektionsmedizin des Universitätsklinikums Jena im Gemeindezentrum am Mittwoch mit 200 Personen, darunter auch 15 Kindern, begonnen hat.

Dorthin geht Andrea Stamprecht am Samstag, sagt sie, das laufe nach Alphabet. Mit einer Blutentnahme, Rachen- und Nasenabstrich sowie einer Rachenspülung wollen die Wissenschaftler herausfinden, ob die Neustädter eine unbemerkte Infektion durchgemacht haben, Antikörper gebildet haben und noch immun oder wieder infiziert sind. Der Rentner Bernd Hofmann sitzt schon bei der Blutentnahme. „Das ist sehr gut, da weiß man, wo man dran ist“, sagt er zum Prozedere, das freiwillig ist, Fragebögen beinhaltet und noch eine Aufwandsentschädigung von 15 Euro bereithält.

Minister dankt der Landrätin für ihre „beherzte Entscheidung“

Massiv hatte die Landrätin um die Studie gekämpft. Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sagte in Neustadt, dass man dafür 500.000 Euro bereitstellen werde. Er dankte ihr für die „beherzte Entscheidung“, am Anfang der Pandemie und als erster Ort überhaupt in Deutschland, Neustadt unter Quarantäne gestellt zu haben. „Wir brauchen dringend noch mehr Wissen, auch um den Verschwörungstheorien entgegen treten zu können.“

Eine Neustädterin sieht sich auch weiterhin angehalten, durch das Tragen von Schutzmaske und Handschuhen, beim Einkauf und dem Besuch ihrer Familie Vorsicht walten zu lassen, weil sie keine Viren übertragen möchte. Selbst war sie nicht infiziert, dies habe der Anruf des Gesundheitsamtes nach der Auswertung des Massentestes bestätigt. Da einige Zeit verstrichen ist, möchte sie wissen, wie sich die Situation nach den Abstrichen entwickelt hat, und nimmt auch an der Studie teil. Sie hofft, „dass die Erkenntnisse vielleicht ein Eindämmung oder sogar eine Ausrottung des uns allen zum Verhängnis gewordenen Übeltäters“ bringen.

Aus ihrem Bekannten- und Verwandtenkreis könne sie aber teilweise von einer Verweigerung ausgehen. Eine noch länger anhaltende Einschränkung der Lebensverhältnisse wird die Menschen zum Handeln gegen die Vorschriften anhalten, denkt sie. In sechs bis acht Wochen würden erste Ergebnisse der Studie vorliegen, sagt deren Leiter, Professor Mathias Pletz, was auch eine zweite Pandemie-Welle verhindern könnte. „Ich bin überzeugt, wir werden gemeinsam unheimlich viel dazu beitragen, das Virus besser zu verstehen.“

Bürgermeister Peter Grimm (SPD) dankt allen, die während der Quarantäne den Ort am Laufen hielten, wie Gesundheitsamt, Feuerwehr, Verkäuferinnen, Pflegepersonal, Bauhof und Erzieherinnen, die sich im Kinderheim mit in Quarantäne begaben. Und Neustadts Ortsteilbürgermeister Dirk Macheleidt (parteilos) betont, es sei nicht die Masse des zänkischen Bergvolkes, das negativ aufgefallen sei, man habe doch als Ort zusammengehalten.

Rüdiger und Margit Hirsche füllen noch ihre Fragebögen aus, bevor sie an der Reihe zur Blutentnahme sind. Sie wünschen sich, dass durch die Studie auch Impfstoffe und Medikamente schneller bereitgestellt werden können.

Weltgesundheitsorganisation interessiert sich für Neustädter Corona-Studie