Gemeinsames Projekt von Forschern aus Weimar und Ilmenau

Was macht den Saxophon-Sound des Charlie Parker so unverwechselbar? Was ist das Einzigartige an den Trompetensoli Louis Armstrongs oder bediente auch er sich bestimmter Muster? Wie unterscheidet sich ein Blechbläser-Jazzsolo aus den 20er-Jahren von einem aus den 50ern?

Prof. Martin Pfleiderer leitet das Jazz-Forschungsprojekt. Foto: Alexander Burzik

Prof. Martin Pfleiderer leitet das Jazz-Forschungsprojekt. Foto: Alexander Burzik

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Ilmenau. Antwort können erfahrene Jazzfans geben. Wesentlich genauer und objektiver sind derlei Charakteristika und Nuancen aber per Computersoftware zu erfassen. Daran arbeiten Musikwissenschaftler der Musikhochschule Weimar gemeinsam mit Forschern des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie (IDMT) in Ilmenau sowie Musikinformatikern in Hamburg.

Prof. Martin Pfleiderer von der Weimarer Musikhochschule leitet seit Jahresbeginn ein Projekt zur Erforschung von "Stimme und Gesang in der populären Musik der USA 1900 - 1960". Sein neues Vorhaben ist zugleich weiter und enger gefasst: Untersucht werden "nur" einstimmige Instrumentalsoli im Jazz - dafür aber ohne zeitliche Begrenzung.

Ziel ist eine möglichst umfangreiche Datenbank transkribierter Soli und Improvisationen aus allen denkbaren Jazz-Stilrichtungen und -Epochen; sie soll Wissenschaftlern weltweit als Basis für eigene Studien zur Verfügung stehen. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt ist auf drei Jahre angelegt. "2015 soll die Serveranwendung stehen und funktionieren", so Pfleiderer.

Die Software zur Transkription der Soli stammt von Ingenieuren und Informatikern des Fraunhofer IDMT. "Wir liefern eine visuelle Ansicht davon, welche Töne zu hören sind", sagt Dr. Jakob Abeßer von der Forschergruppe Semantische Musiktechnologien. Aber das ist längst nicht alles.

Das Analyseverfahren kann zeigen, welche Intervalle und rhythmischen Muster vorkommen, ob die Jazzmusiker Töne ausdehnen oder kurz anspielen, welche Phrasierungen sie verwenden. "Daran lässt sich der Personalstil ablesen, der den Musiker ausmacht", so Abeßer. Möglich ist das bislang allerdings nur bei Soli einstimmiger Instrumente - im Jazz hauptsächlich Saxophon, Trompete und Posaune. "Bei mehrstimmigen, wie Klavier oder Gitarre, wird’s schwierig", räumt Abeßer ein. Schon bei verzierungs- und vibratoreichem Spiel einstimmiger Instrumente tue sich die Software schwer, Töne zweifelsfrei zu erkennen.

Auf Martin Pfleiderer und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter kommt viel Transkriptionsarbeit zu. Wenn die "Jazzomat"-Datenbank mit etwa 250 Improvisationen steht, wird sie dabei helfen können, Vergleiche anzustellen und eine Fülle von Fragen zu beantworten. Wie unterscheidet sich der frühe Miles Davis vom späteren? Welche Musiker sind in ihren Soli besonders kreativ, welche greifen auf wiedererkennbare Muster zurück?

"Dass es ein völlig spontanes Improvisieren gibt, halte ich für einen Mythos", sagt Pfleiderer. "Mir kommt es auf eine differenzierte Analyse an: Was ist spontan, was Routine?" Welcher Musiker der jüngeren Generation welchem Altmeister spieltechnisch nacheifert - und wer vielleicht sogar abkupfert: Auch das lässt sich mithilfe der Software fundierter ermitteln als mit bloßem Ohr.

Dass die großen Jazzmusiker durch so viel Detailstudium entzaubert werden könnten, befürchtet Pfleiderer nicht. Im Gegenteil: "Je mehr man begreift, desto mehr hört man." Ein Michelangelo verliert ja auch nicht an Wert dadurch, dass Wissenschaftler Farben und Maltechniken analysieren.

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