Geschichte der Sinn-Suche

Böhlen (Ilm-Kreis). Matthias Göritz stellte sein Buch zur Sommerakademie in Böhlen vor.

Matthias Göritz las in Böhlen im Rahmen der Sommerakademie aus seiner neuen Erzählung „Shanghai Blues“ vor Kursteilnehmern und Einheimischen. Foto: Karl-Heinz Veit

Matthias Göritz las in Böhlen im Rahmen der Sommerakademie aus seiner neuen Erzählung „Shanghai Blues“ vor Kursteilnehmern und Einheimischen. Foto: Karl-Heinz Veit

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Der renommierte Schriftsteller Matthias Göritz ist ein gern gesehener Dauergast in Böhlens Sommerakademie. 2008 im Sommer pendelte er beruflich zwischen Polen, Korea, Böhlen und Shanghai. Allein das zeige die Weltbedeutung eines der idyllischsten Orte, den er samt seinem treuen Begleithund Tao fest ins Herz geschlossen, meinte er unausgesprochen am Leseabend zur Begrüßung.

In Shanghai mit Abstecher nach Peking, wo die Sommerolympiade das Top Ereignis für China und die Welt war, sammelte er Eindrücke und Stoff für seine Erzählung „Shanghai Blues“. Erst im Frühjahr hatte er das überschaubare Werk, welches den Grundstock für einen künftigen und in Arbeit befindenden Roman bildet, fertig gestellt.

Nach Böhlen brachte er am Samstagabend die ersten druckfrischen Exemplare mit und las daraus. Die Premierenlesung verfolgten etwa 30 Zuhörer der Schreibwerkstatt, die ab dieser Woche läuft. Aber auch einige Böhlener und auswärtige Gäste waren gekommen.

Es ist die Geschichte des Sinnsuchens nach dem personalisierten Authentischen in einer Welt, die durch globale Vernetzung und Globalisierung von Wirtschafts- und Lebensprozessen, immer austauschbarer, beliebig wird. Da ist der Vortragsreisende Parker aus den USA. Er weiß, wie Vermarktung und Gewinn bringender Verkauf geht. Somit wird er herumgereicht, um seine Weisheiten über Verkaufsstrategien und Selbstdarstellung der Welt kund zu tun.

Matthias Göritz beschreibt mit großer Präzision das Umfeld von Parker, der in Shanghai als Vortragender auftritt und mit der Sekretärin und Dolmetscherin Lin in nur wenigen Tagen eine intime Beziehung eingeht. Doch es ist nicht vordergründig die schnelllebige Liebesgeschichte, die Göritz beschreibt.

Ihm geht es in der Geschichte um das Darstellen von Konfliktsituationen, in welche der Einzelne zuerst mit sich und dann mit seinen Partnern, die als Ehefrau und Geliebte agieren, gerät. Ist wirklich alles, also auch jede und jeder, austauschbar und welche Folgen verbinden sich damit, wenn ausgetauscht wird?

Diese Fragen tragen den Erzählkern des Buches. Antworten darauf, das ist die schriftstellerische Erzählkunst von Göritz, muss sich der Leser selbst geben. Dass Parker in Shanghai beim Agieren, Parlieren und Nachdenken über sich selbst den „Blues“ bekommt, scheint unabwendbar.

Eine in der Geschichte vorkommende lebendige Maus im Appartement Parkers, ist die Metapher für den Rest von Individualität, die sich selbst in der chinesischen Plastikwelt behaupten will.