Haare schneiden unter besonderen Umständen im Ilm-Kreis

Ilm-Kreis.  Seit Montag haben die Friseursalons wieder auf. In Arnstadt und Geraberg haben sich die Mitarbeiterinnen auf die Schutzbestimmungen eingestellt.

Carl bekommt von Sarah die Haare geschnitten. Handschuhe muss sie nur beim Waschen tragen.

Carl bekommt von Sarah die Haare geschnitten. Handschuhe muss sie nur beim Waschen tragen.

Foto: André Heß

Der fünfjährige Carl sitzt auf dem Friseurstuhl. Er muss in dem Alter noch keine Mund-Nasen-Maske tragen, die Friseurin Sarah Bienert schon. „Das ist komplizierter und stressiger als vorher“, sagt sie, ist aber zugleich froh, seit Montag wieder arbeiten zu können. Alle aktuellen Entwicklungen lesen Sie im Liveblog

Das „Studio 2“ in Arnstadt hat für diesen Wiedereröffnungstag 24 vorbestellte Kunden – anders kommt keiner dran – und ist bis Ende Mai schon ausgebucht. Der Wartebereich ist abgesperrt, es kommen nur die Kunden in den Laden, die auch gleich behandelt werden. „Kommen, schneiden, gehen“, nennt Sarah das Prozedere ohne Schnickschnack. Keine Getränke, keine Zeitung, keine Spielecke für die Kinder. Sie müssen die Corona-Schutzmaßnahmen strikt einhalten, die die Berufsgenossenschaft vorgegeben hat. Geschäftsinhaberin Maria Abendroth hat die Vorbereitungen trotz Elternzeit für ihre sieben Monate alte Tochter und den fünfjährigen Sohn gemanagt. „Schön ist es nicht, meine Freude hat sich in Grenzen gehalten“, gibt sie zu.

Frische Luft schnappen auf der Terrasse

Doch sie habe es ihren drei Mädels so erträglich wie möglich gemacht. Gesichtsbehandlungen sowie Trockenhaarschnitte beim Kunden sind aus Sicherheitsgründen tabu, werden die Haare gefärbt, darf zwischendurch kein anderer Kunde bedient werden. Die Chefin sorgt sich aber sehr darum, dass ihre Angestellten und die Kunden auch genug Sauerstoff unter der Maske bekommen, wenn eine Behandlung zwei Stunden dauert. Sollte es eng werden, können sie auf die Terrasse in den Hof, um frische Luft zu schnappen.

5000 Euro Soforthilfe hat die Ladeninhaberin über die Thüringer Aufbaubank erhalten und ansonsten die Fixkosten während der Schließzeit von den Reserven bestritten. Für das Kurzarbeitergeld musste sie in Vorkasse gehen, weil das Arbeitsamt noch nicht zahlte. Freilich hätte sie auch das Haarstudio noch zulassen können, aber das betreffe dann ja ihre Stammkunden. „Ich bin gezwungen, das Spiel mitzumachen, sechs Wochen lang hatte ich keine Einnahmen.“ Das mit dem Maskenschutz versteht sie allerdings nicht. Die ganze Zeit habe danach kein Hahn gekräht, als man schon in die Baumärkte und Einkaufsmärkte gehen konnte. Jetzt müssen Sechsjährige im Laden Mundschutz tragen. „Die Kinder verstehen das doch alles nicht!“ Maria Abendroth wühlt das am Telefon emotional auf. Die Preise hat sie wegen der Schutz-Auflagen aber nicht erhöht. Sie denke an ihre Mädels, die mehr als einen Monat in Kurzarbeit waren und an ihre Kunden, die es noch sind, und die jetzt auch noch für Lebensmittel mehr als vorher ausgeben müssen. Gewinn werde sie wohl damit erstmal nicht machen, aber ihre Kunden möchte sie auch nicht verlieren.

Carl ist fertig und zufrieden. Seine Mutter Doreen hat die ganze Sache beobachtet, sie würde sich freuen, wenn die Lockerungsmaßnahmen endlich auch die Gastronomie betreffen. Das Altstadtcafé betreiben sie als Familienbetrieb. Es hat gleich zwei Terrassen, aber beide müssen weiterhin geschlossen bleiben.

Einen sechsseitigen Pandemie-Arbeitsschutzstandard hat Christiane Schön wie ihre Berufskollegen von der Berufsgenossenschaft bekommen. Die Geraberger Friseurmeisterin findet die Maßnahmen „sehr aufwendig für uns“. Manche Sachen seien beim Friseurgroßhandel gar nicht lieferbar gewesen. „Die Richtlinien sind so, dass es sicher kein angenehmer Friseurbesuch sein wird“, so Schön weiter. Der Kunde müsse wie der Friseur Mundschutz tragen. Trockenhaarschnitte seien nicht erlaub, ebenso Zeitungen und Zeitschriften. Die Kunden dürften nicht im Geschäft warten. „Trotzdem sind wir froh, dass wir wieder arbeiten können.“ Was im Moment passiert, habe es noch nie gegeben, blickt Schön auf die 90-jährige Geschichte ihres Familienbetriebes zurück. Diese Woche ist die Friseurin bereits komplett ausgebucht, danach haben sich schon viele Kunden angemeldet, sagt Schön. Um den Stau aufzuarbeiten, will die Gerabergerin vorerst von Montag bis Freitag jeweils zehn Stunden am Tag arbeiten. „Samstag geht es wahrscheinlich open End.“

Kaufen Männer sich Schergeräte?

Zusätzliche Ausgaben, wie für Einweg-Umhänge und Desinfektionsmittel, würden auf den Preis umgelegt. Für Männer, die bislang den Trockenhaarschnitt bevorzugten, werde es mit dem verordneten Waschen teurer. Die Frage sei, ob Kunden jetzt abspringen und sich die Haare „schwarz“ machen lassen, so Schön. Oder ob sie zur Selbsthilfe greifen und sich ein Schergerät kaufen. „Für die Zukunft wünsche ich mir ein maßvolles Agieren der Politik“, so Schön, die für die Linkspartei im Gemeinderat sitzt. Sie spricht sich für eine reduzierte Mehrwertsteuer auf Friseurdienstleistungen aus und wünscht sich sieben statt 19 Prozent. In den vergangenen Wochen hätte sie keine Ruhe gefunden und keine Nacht geschlafen. Fragen wie „Stehe ich vor dem Aus?“ und „Droht die Insolvenz?“ hätten sie beschäftigt. Aber sie sagt: „Ich hänge mit Herzblut an meiner Arbeit.“