Händler im Ilm-Kreis fordern schnellere Hilfen

Ilm-Kreis.  Die Industrie- und Handelskammer in Südthüringen warnt vor einer Insolvenzwelle, die Auswirkungen auf die Innenstädte hat.

Ohne finanzielle Unterstützung der Einzelhändler wird es einsam um den Bronze-Goethe in der Ilmenauer Innenstadt. 

Ohne finanzielle Unterstützung der Einzelhändler wird es einsam um den Bronze-Goethe in der Ilmenauer Innenstadt. 

Foto: André Hess

Die Industrie- und Handelskammer Südthüringen (IHK) schlägt Alarm: Wenn die Politik den Einzelhändlern nicht schnell Überbrückungshilfen zukommen lässt, drohe eine Insolvenzwelle und damit verbunden die Verödung von Innenstädten. „Irgendwie müssen die Unternehmen jetzt zu Geld kommen. Sonst sind sie aus dem Rennen“, warnte IHK-Präsident Peter Traut am Dienstag.

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Bislang sei die Antragstellung und Abwicklung der finanziellen Hilfen zu kompliziert, schätzte er ein. Hauptgeschäftsführer Ralf Pieterwas sprach sich für ein vereinfachtes Verfahren unter Regie der Bundesländer aus. Er forderte von der Politik zudem Planungssicherheit. Seiner Einschätzung nach sei eine Strategie für die Zeit nach den Beschränkungen kaum erkennbar. „Es gibt keine Perspektive, das ist für uns sehr unbefriedigend“, fand er.

In welcher Klemme die Einzelhändler stecken, schilderte Dietmar Kersten, Sprecher der Ilmenauer Kaufleute, gegenüber unserer Zeitung. Lediglich ein Teil der Ladeninhaber habe einen Abschlag bekommen. „Das reicht vorn und hinten nicht. Die Händler hatten über die kurze Öffnungszeit im Sommer keine Möglichkeit, einen Puffer aufzubauen“, schätzte er ein. Das Weihnachtsgeschäft im Dezember, dem traditionell umsatzstärksten Monat des Jahres, fiel im vergangenen Jahr gleich ganz aus.

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Geld aber brauchen beispielsweise die Anbieter von Textilien für den Einkauf der neuen Frühjahrskollektion, „während die Winterware im Laden verdirbt“, verdeutlichte Kersten. Um ein Bekleidungsgeschäft zu bestücken, werden seinen Erfahrungen nach schnell mal 10.000 Euro fällig. Darüber hinaus sind Lieferanten vorsichtig geworden: Wo früher eine Rechnung üblich war, wird nun auch schon mal Vorkasse fällig.

Betroffen von Schließungen sind derzeit 45 Prozent des Einzelhandels mit einem Umsatzvolumen von 1,1 Milliarden Euro

Darüber hinaus stellen die Händler Marktverzerrungen fest: Während etwa Spielwarengeschäfte schließen müssen, verkaufen große Ketten ihr komplettes Sortiment über das zugelassene Angebot hinaus munter weiter, sagte der Sprecher der Ilmenauer Kaufleute am Dienstag.

Nach Angaben der IHK ist der Einzelhandel mit 15.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 2,5 Milliarden Euro im Jahr 2018 die zweitgrößte Branche im Zuständigkeitsbereich der Kammer nach dem verarbeitenden Gewerbe (6,4 Milliarden Euro). Konkret betroffen von den Schließungen sind derzeit 45 Prozent des Einzelhandels mit einem Umsatzvolumen von 1,1 Milliarden Euro, sagte Pieterwas. „Wir machen uns große Sorgen.

Wenn immer mehr Einzelhändler von Insolvenz betroffen sind, hat das starke Folge für unsere Innenstädte“, warnte er. Schon jetzt bestünden Liquiditätsengpässe. Verschärft sich die Situation, „haben wir Folgeprobleme, von denen wir uns nicht wieder erholen werden“, sagte der Hauptgeschäftsführer.

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Forderung nach mehr verkaufsoffenen Sonntagen

Pieterwas und Kersten sprachen sich zudem für mehr verkaufsoffene Sonntage aus. „Der Onlinehandel darf schließlich rund um die Uhr geöffnet bleiben“, argumentierte der Sprecher der Händler. Wichtig ist aus Sicht von Dietmar Kersten außerdem, dass die Vermieter mehr Kulanz zeigen. Er selbst habe einen verständnisvollen Hausbesitzer – doch er kenne Fälle, wo die vorübergehend ausgesetzte Mieten in voller Höhe nachgefordert wurden. „Natürlich muss auch ein Vermieter davon leben. Aber wenn wir nicht mehr da sind, hat er gar nichts davon.“

Andere Einzelhändler im Bereich der IHK Südthüringen sind bislang gut durch die Krise gekommen und haben ihren Umsatz zum Teil sogar steigern können, berichteten Steffen Bock vom gleichnamigen Handelsunternehmen in Ilmenau und Katja Fiedler als Leiterin eines Rewe-Markts in Suhl. Allerdings müssen ihre Mitarbeiter auf andere Weise mit den Auswirkungen der Krise umgehen: Wenn sie von Kunden angefeindet werden, die auf das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung hingewiesen werden.

Den Vorschlag von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke), vorübergehend auch auf die Wirtschaft stillzulegen, lehnte IHK-Präsident Traut ab. „Dann setzen wir die Axt dort an, wo das Geld erwirtschaftet wird, mit dem die Auswirkungen des Lockdowns bezahlt werden“, sagte er. Von den Schließungen betroffen sind derzeit drei Prozent der Unternehmen im Bereich der IHK Südthüringen.